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Meister Eckehart
Lebensdaten
Seite 1
Autor: Eckhart Triebel (gekürzte Fassung)
Zur Schreibweise seines Namens: Es kursieren neben Echardus
auch Aychardus, Aricardus, Aycardus, Ayerdus oder Ekhardus, Equardus, Eckardus
oder Ecgehardus, Ecckardus oder Eckehart, Eckard, Eckehardus, Ekkehart oder
Ekhart
1260
Wahrscheinlich noch vor diesem Jahr auf einem Gut bei dem Dorf Tambach
südlich
von Gotha in Thüringen geboren. Als erstes schriftliches Zeugnis über
Eckhart gilt die am 18. April 1294 gehaltene "Antrittsvorlesung" an der
Universität Paris. Nach den Statuten des Ordens sollte er zu dieser
Zeit mindestens 33 Jahre alt sein.
Eckharts Familien- bzw. Beiname war "von Hochheim". Sein vermutlicher Vater
wird in zehn Dokumenten des Klosters Georgenthal als Zeuge genannt. Er war
vermutlich von niederem Adel. Es scheint Einigkeit zu herrschen, daß
Eckhart schon in jungen Jahren ... in das Dominikanerkloster Erfurt ...
eingetreten war. Dort absolvierte er mit dem studium logicale, naturale
und biblicum den Bildungsgang eines Studenten des Dominikanerordens. Wenn
dem so war, dann kann das nach den Konstitutionen von 1265 frühestens
um 1274 erfolgt sein, da er mindestens 14 Jahre alt gewesen sein mußte,
um angenommen zu werden.
um 1274
Eintritt in das 1229 gegründete Dominikanerkloster in Erfurt, einem
der ältesten und angesehendsten Konvente des Ordens in Deutschland,
als Novize.
um 1275
Nach einjährigem Noviziat legt er den Profeß ab. In den
folgenden zwei Jahren erfolgt seine Einweisung u. a. in die ordensrelevanten
Angelegenheiten.
1277
Beginn des studium artium.
Um die Zeit fordert Papstes Johannes XXI den Pariser Bischof auf, nach
Irrlehren zu fahnden. Dieser stellte, beraten von einer 16-köpfigen
Kommission, 219 Sätze zusammen, die er am 7. März feierlich
verurteilte. Darunter befanden sich auch einige des Thomas von Aquin.
1280
Beginn des studium naturalium entweder in Erfurt oder an drei jeweils
auf den Provinzialkapitel 1280, 1281 und 1282 festgelegten Klöstern.
Damit war das Grundstudium abgeschlossen.
1283
Beginn des studium solemne.
1286
Beginn des studium generale in Köln.
Ob Eckhart Albertus Magnus noch zuhörte, wissen wir nicht. Er war
nach dem bisher Angeführten frühestens ab 1283 in Köln
(Albert starb 1280).
Das Generalstudium war Voraussetzung für die Tätigkeit des Sentenzenlektors,
wie Eckhart sie 1293/94 in Paris ausübte. Außerdem konnte nur
jemand an diesem Studium teilnehmen, der im Orden zum Lektorenamt oder
zu noch höheren Lehraufgaben ausersehen war, was eine Auszeichnung
darstellte.
1289
Nach Abschluß der ordensinternen Studien findet die Priesterweihe
Eckharts statt. Er wird nun als Lektor oder Prior ("für einen gewissen
Zeitraum") tätig.
1290
Offenbar war er seinen Oberen besonders aufgefallen, denn er erhält
die Möglichkeit, sich an der Universität von Paris zu immatrikulieren.
1293
Zwischen dem 14. September und dem 9. Oktober hält er die Collatio
in libros sententiarum, eine Art "Antrittsrede", die als feierlicher
Universitätsakt nach den Statuten der Pariser Universität einer
Vorlesung voranzugehen hat. Der Sentenzenlektor war bereits ein gehobenes
Amt. Es beruhte auf dem Bakkalaureat der theologischen Fakultät,
dem das Studium der Artes voranging. Dieses Lektorat bereitet auf
den Magister in Theologia vor und setzt eine abgeschlossene Laufbahn
innerhalb seines Ordens voraus. Seine einjährige Tätigkeit als
Lektor stellte insofern eine Auszeichnung dar, als er damit einen der
zwei Lehrstühle für Nichtfranzosen besetzt.
1294
Mit dem 18. April, dem Ostertag, beginnt die datierbare Vita Eckharts,
wo der Dominikanermönch frater Ekhardus als lector sententiarum der
theologischen Fakultät bezeugt ist. Aufgabe dieses Lektorats
war es, die "Sentenzen" zu "lesen",
d.h. das akademische Lehrbuch der Theologie, die libri
quatuor Sententiarum des Petrus Lombardus zu erklären. Daraus
resultierten die Sentenzenkommentare, in der Regel das erste Hauptwerk
eines theologischen Lehrers. Derjenige Eckharts scheint nicht erhalten
zu sein.
An diesem Tag "bestieg ein junger Akademiker die Kanzel der Pariser Predigerkirche
St. Jacques. Die Predigt, die er hielt, wurde von einem Zuhörer mitgeschrieben,
und eine Kopie davon gelangte wenige Jahre danach in die Bibliothek des
Klosters Kremsmünster, wo sie sich noch heute befindet. Dieser Text
zeichnet sich durch Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und rhetorische Gewandtheit
aus. Der ursprüngliche color rhetoricus erklingt noch an vielen Stellen,
und der Verfasser häuft unzählige Sprüche aus der Bibel
und aus den Werken der Patristik - besonders aus Augustinus - mit beeindruckender
Souveränität an".
Nach Abschluß seiner Lehrtätigkeit kehrt er nach Erfurt zurück.
Vermutlich ernennt ihn der Provinzial der Teutonia (1293-96), Dietrich
von Freiberg zum Prior des Erfurter Predigerklosters und zum Vikar von
Thüringen. Diese doppelte Tätigkeit fordert ihn in mehrfacher
Beziehung. Zum einen lehrt er im und leitet das Kloster, und zum anderen
muß er beschwerliche Wege auf sich nehmen, die Konvente in Thüringen
zu besuchen. Daneben findet er noch die Zeit, seine Erfahrungen u. a.
mit den theologischen Fragen der Brüder in eine (Unterrichts-) Schrift
mit dem (heutigen) Titel Reden der Unterweisungen münden zu lassen,
die er in Deutsch abfasst. Was bedeutet, daß er auch die erreichen
wollte, die kein Latein verstanden.
Die Predigerkirche zu Erfurt dürfte das einzige noch existierende
Bauwerk zu sein, in dem Eckhart predigte.
1298
Auf dem Generalkapitel von Metz wird Ämterhäufung untersagt,
insbesondere das gleichzeitige Ausüben des Amtes als Prior und Vikar.
Dies ist vernünftig, da sich beide Tätigkeiten widersprechen:
der Prior hat vor Ort, also im Hause anwesend zu sein, während der
Vikar viel unterwegs sein muß. Es ist nicht bekannt, welchen "Job"
Eckhart nun abgegeben hat, aber es spricht vieles dafür, das es
der des Priors war.
1302
befindet Eckhart sich wieder in Paris und wohnt im Dominikanerkonvent
St. Jacques, der sich direkt gegenüber der inzwischen einhundertjährigen
Pariser Universität befindet. Er hatte sich durch sein Sentenzenlektorat
die Lizenz (Habilitation) erworben, einen der Lehrstühle auf ein
Jahr zu besetzen, die bereits Albertus Magnus und Thomas von Aquin gesehen
und gehört hatten. Er promoviert zum Magister sacrae Theologiae. "Bruder eckhartt" darf nun den Titel "Magister" führen
- also Meister genannt werden.
Als Magister actu regens (amtlich beauftragter
Professor, "Ordinarius") hat er neben der Teilnahme an den Disputationen
die Aufgabe, Texte aus der Bibel zu erklären. Aus dieser Lehrtätigkeit
gingen in der Regel die zahlreichen Bibelkommentare des Hoch- und Spätmittelalters
hervor. Auch von Eckhart sind einige überliefert, z.B.:
Utrum in Deo sit idem esse et intellegere (Ist in Gott Sein und Erkennen
identisch?)
Utrum intelligere angeli, ut dict actionem, sit suum esse. (Ist das Erkennen
des Engels, insofern es eine Tätigkeit besagt, mit dessen Sein identisch?)
Utrum intelligere dei in patria sit nobilior eius dilectione in via. (Ist
der Lobpreis Gottes im Himmel edler als die Liebe zu ihm auf Erden?)
1303
Im Frühsommer kehrt er nach Erfurt zurück, wo er zum ersten
Provinzial der zu Pfingsten vom Generalkapitel in Besançon neu
gegründeten Ordensprovinz Saxonia gewählt wird. Die Ordensprovinz
umfaßt 8 Nationen, darunter die Mark Brandenburg, Thüringen,
Sachsen und Westfalen, die allerdings erst 1308 eingerichtet werden. Sie
reicht im Norden von Stralsund und Hamburg bis in die Niederlande und
besteht aus 47 Konventen. In den folgenden Jahren ist er von seinen administrativen
Aufgaben völlig in Anspruch genommen. Zusätzlich zu den normalen
Verwaltungsaufgaben ist er auch für die Organisation, Durchführung
und Leitung der Provinzialkapitel verantwortlich.
1304
Er nimmt an den Generalkapitel teil, so an dem diesjährigen von Toulouse.
Er verbringt eine nicht unerhebliche Zeit des Jahres mit Reisen durch
unwegsames Gelände, immer auf der Hut vor wilden Tieren, Wegelagerern
und Raubrittern.
Diese Reisen konten auch lebensgefährlich werden, wie Thomas von
Aquin 1274 und der 8. General des Ordens, Stephan von Besançon
1294 erfahren mußten. Außerdem ist es ein Jahrzehnt katastrophaler
Witterungsverhältnisse, was allein daraus zu ersehen ist, das im
Jahr zuvor die Ostsee zufror, was zwei Jahre später noch einmal passieren
wird. Eckhart sollte auf jeden Fall über eine kräftige Konstitution
verfügt haben, wenn er diesen Anforderungen gewachsen war.
1305
Am 19. Mai siegelt er in Gotha eine Urkunde, die sich auf den verstorbenen
Herrn Ritter Eckehard von Hochheim bezieht.
Am Provinzialkapitel in Rostock ist er wohl sicher anwesend, da aus dem
einzig erhaltenen Originalbrief vom 11. September hervorgeht, daß
es auch zu Eckharts Aufgaben gehörte, eventuell auftretende Schwierigkeiten
zwischen den Konventen und den Städten zu klären: " Den
hochehrbaren und weisen Männern, den Ratsherren der Stadt Göttingen
wünscht Bruder Eckhart, Prior der Predigerbrüder in der Provinz
Sachsen, sie mögen in den Wechselfällen dieser Welt in Gottes
Bewahrung stehen. - Das Versprechen, das Euch von den mir sehr teuren
Brüdern, die in Eurer Stadt niedergelassen sind, vom Prior und der
Konventsbrüderschaft unseres Ordens gemacht worden sind, wonach sie
ohne Eueren Willen und Euere Zustimmung ihr Areal nicht über die
jetzige Ausdehnung hinaus erweitern dürfen, ratifiziere und bestätige
ich. In Erinnerung dieser Sache ist zur Beglaubigung unser Siegel angehängt."
Da die Bettelorden sich in den Städten ansiedelten, waren Konflikte
um den knappen Boden vorprogrammiert. Dies sollte Eckhart besonders bei
den Neugründungen von Klöstern erfahren, insbesonders bei den
drei neuen Frauenklöstern in Braunschweig, Dortmund und Groningen,
die während seiner Amtszeit entstehen (und vom Papst Klemens V. 1310
bestätigt werden).
1306
Zu seinen Aufgaben gehört auch Rat und Beistand der einzelnen Klöster,
wie dem Frauenkloster in Lahde, das beschlossen hatte, den Sitz nach
Lemgo
zu verlegen, wozu die Genehmigung des Provinzials notwendig war. Im September
ist er wahrscheinlich wieder auf dem Provinzialkapitel in Halle anwesend.
1307
Auf dem Generalkapitel in Straßburg wird er zum Generalvikar für
Böhmen ernannt. Er ist damit Stellvertreter des Ordensgenerals Aymerich
von Piacenza. Auftrag eines Generalvikars war es, "zu prüfen,
zu bestrafen, loszusprechen, zu festigen, zu reformieren, und dies von
Konvent zu Konvent, von Provinz zu Provinz, am Haupt wie an den Gliedern".
Dazu wird er mit besonderen Reformvollmachten ausgestattet. Er tritt
seine
Mission, die sich als sehr schwierig erweist und einige Zeit hinzieht,
bereits im August an. Damit war er aber auf dem Provinzialkapitel im
September
in Minden wahrscheinlich nicht anwesend.
Verhandlungen mit den Herzögen von Braunschweig zwecks Erwerb eines
Geländes in der Stadt zur Gründung eines Frauenklosters dürften
ihn im April und August beschäftigt haben.
1308
Die Schenkung eines Grundstücks in Groningen an die Dominikaner vom
Januar ermöglichte die Inangriffnahme der Gründung eines weiteren
Frauenklosters.
Seine Sondermission in Böhmen, die demnach maximal neun Monate dauerte,
war wohl nicht von durchschlagenden Erfolg, da der Provinzial der Boemiae
aufgrund neuer Schwierigkeiten bzw. Verstößen gegen die Reform
bereits im Mai vom Generalkapitel in Padua den Auftrag erhält, die
Angelegenheit zu prüfen und die Schuldigen zu bestrafen.
Auf dem Provinzialkapitel in Seehausen (Altmark) wurde die Provincia
Saxoniae in folgende acht Nationen geteilt: Sachsen, Thüringen,
Meißen, Westfalen, Slavenland, Brandenburg, Holland und Friesland.
Dabei dürfte er wieder anwesend gewesen sein.
1309
Nachdem Kaiser Heinrich VII. im Mai der Errichtung eines Konvents in
Dortmund zustimmte, muß er sich wegen des Klosterneubaus im Juni persönlich
nach Braunschweig begeben. Es gehört zu seinen Verwaltungsaufgaben,
daß er sich auch um den Bau selbst kümmern muß. Anscheinend
hatten die Handwerker begonnen,eine Brücke über die Oker zu
schlagen, was den Städtern überhaupt nicht gefiel. Man einigt
sich darauf, daß der Bau gestoppt wird.
Seine Anwesenheit wird in einem städtischen Protokoll vom 23. Juni
in niederdeutscher Sprache festgehalten: " Bruder Eckhart, der
Provinzial der "Pauler" (volkstümliche Bezeichnung der Dominikaner
in Braunschweig), hat vor dem Rat zugesagt, daß hier alle Bauten
stehen bleiben sollen, wie sie jetzt stehen, käme auch ein Bote vom
päpstlichen Hofe mit der Nachricht, daß sie weiter bauen können,
so sollen sie doch keine Brücken und andere Objekte bauen, die der
Stadt schaden könnten, es sei denn, es geschehe mit dem Willen des
Rates. Als Zeugen waren zugegen Bruder Klaus, der Prior von Hildesheim,
und Bruder Henrec, der Prior von Halberstadt."
Im Juli wird in seinem und dem Namen der Dominikaner
der Saxonia ein Grundstück in Dortmund gekauft, auf dem das Frauenkloster
errichtet werden soll.
1310
Auf dem Generalkapitel in Piacenza legt Eckhart einen Bericht über
seine Tätigkeiten in Böhmen vor. Außerdem wird der Saxonia
die Erlaubnis erteilt, die drei angestrebten neuen Konvente zu gründen,
was umgehend mit Dortmund geschieht.
Im September befindet er sich wahrscheinlich wieder auf dem Provinzialkapitel
in Hamburg. Am gleichen Tag wird er auf dem parallel stattfindenden Provinzialkapitel
der Teutonia in Speyer unter dem Vorsitz Dietrichs von Freiberg zu deren
Ordensprovinzial gewählt, was insofern ungewöhnlich ist, da
damit die Saxonia ihrer Leitung beraubt wurde. Deshalb kann diese Wahl
vom Ordensgeneral auch nicht bestätigt werden.
Eckhart wird die Geschäfte der Saxonia noch bis zum Mai des nächsten
Jahres führen. Auf zwei der sieben Provinzialkapitel seit 1303, an
denen er vermutlich teilnahm, hielt er auch je eine Predigt und Vorlesung
über Jesus Sirach Kap. 24, 23-31. Zu Beginn von Sermo II sagt Eckhart:
"Geliebte! Bei den feierlichen Antrittsvorlesungen der Theologen
besteht folgender Brauch: Einer von den ersten, das heißt ältesten
Meistern stellt eine Frage, und einer von den jüngsten antwortet
auf sie. Es ist gewiß schon lange her, daß einer aus der Urzeit
des Alten Bundes die Frage stellte: "Was ist süßer als Honig"
(Richter 14,18). Ein sehr junger Meister, der heute anfängt, heute
geboren wird - "Der Herr sprach zu mir: Mein Sohn bist du, heute habe
ich dich gezeugt (Ps. 2,7) - antwortet jetzt auf sie mit den Worten: Mein
Geist ist weit süßer als Honig (Eccl. 24,27)."
1311
Auf dem Generalkapitel in Neapel wird er von seinem Amt entbunden.
Der Orden hat anderes mit ihm vor. Er wird abermals mit der Wahrnehmung
des
Pariser Lehrstuhls beauftragt. Dieses zweite Magisterium an der berühmtesten
Universität des Abendlandes war eine Auszeichnung, die bis dahin
nur Thomas von Aquin zuteil wurde. Ausschlaggebend für die Wahl Eckharts
war wohl auch die geistige Auseinandersetzung mit den Franziskanern, für
die er prädestiniert schien, da er schon während seines ersten
Magisteriums in einer seiner Quaestiones Parisienses eine ebenso
eigenartige wie kühne und herausfordernde Auseinandersetzung mit
dem Ordensgeneral der Franziskaner Gonsalvus de Vallebona durchfocht.
Sein Nachfolger wird Johannes de Busco. Damit verläßt Eckhart
endgültig Erfurt, die Stadt, die ihm vermutlich als Novize ab etwa
1274 und als Student von 1277-83, sicher als Prior und Vikar 1294-1298
und wahrscheinlich als Vikar bis 1302 sowie als Provinzial von 1303 bis
Mai 1311, also insgesamt gute 25 Jahre lang Heimat gewesen war.
Allgemein wird angenommen, daß er bis zum Sommer 1313 in Paris
die Basis zu seinem lateinischen Hauptwerk, dem Opus
Tripartitum legt und an den Bibelkommentare zum Alten und Neuen
Testament arbeitet. Sicher ist, daß er hier Quaestionen an der Universität
vorträgt.
Spätestens hier erfährt er mit ziemlicher Sicherheit auch von
der Marguerite Porète, ihrem Wirken, dem Prozeß gegen sie
und ihrem Tod 1310. Außerdem war deren Inquisitor, Wilhelm von
Paris, sein Hausgenosse in Saint Jacques.
1. Eckhart hat also vermutlich den Miroir des simples âmes der
Porète, gekannt.
2. Er hat vermutlich entscheidene Aussagen dieses Buches - die seinen
eigenen Vorstellungen entsprachen oder entgegenkamen - aufgegriffen und
ihnen, eine präzisere, theologisch vertretbare Formulierung gegeben.
1314
Aufgrund der durch das Konzil von Vienne neu entstandenen, teils bedrohlichen
Situation für den Orden, wird Eckhart wieder einmal - wie schon 1307/08
in Böhmen - mit einem Sonderauftrag bedacht, wobei er diesmal der
Ordensspitze direkt unterstellt ist. Als Generalvikar des Ordensgenerals
Berengar von Landora, der beim Konzil dabei war und Eckhart auch in Paris
kennen gelernt haben dürfte, wird ihm die Betreuung und Aufsicht
der süddeutschen Frauenklöster mit Amtsitz in Straßburg
übertragen.
Zu dieser Zeit zählen zur Teutonia über 65 Frauenklöster
und ca. 85 Beginenkonventen allein in Straßburg. Hier befinden sich
die Zentren der Frauenmystik: Unterlinden, Adelshausen, Oetenbach, Katharinenthal,
Engelthal, Kirchberg, Töß, Schönensteinbach, Weiler. Eckhart
hat insbesondere die Aufgabe, die potentiell gefährliche Spiritualität
der "mystischen" Frauen in geregelte Bahnen zu lenken, während er
auf der anderen Seite ständig im Verdacht steht, sich zu weit an
das pantheistische Gedankengut der Brüder des freien Geistes anzunähern.
Der Vorwurf der Häresie fällt schnell in diesen Zeiten, zumal
die Stimmung zwischen der Kirche der Stadt und den Dominikanern nicht
zum Besten stand, was sogar zur Vertreibung des Konvents und einer dreijährigen
Verbannung vor der Jahrhundertwende geführt hatte.
1316
Von seiner Anwesenheit in der Stadt zeugt das Dokument vom November.
Am 13. August des Jahres 1317 eröffnet der Straßburger Bischof
Johann I. von Zürich (1306-28) auf der Rechtsgrundlage der Mainzer
Synode von 1310 die erste Phase der Verfolgungen gegen umherschweifende
Begarden und die ihnen anhängenden Beginen (Begehardi
und Swestriones) wegen Häresie, woraufhin manche abschworen,
manche flohen und manche dem weltlichen Arm, sprich: dem Tod übereignet
wurden. Dieser Processus richtet sich wohl
vorrangig gegen die Brüder und Schwestern von der Sekte des freien
Geistes und der freiwilligen Armut und noch nicht gegen die Drittordensgemeinschaften
(Terziaren) und
die "ehrbaren Beginen".
1318
Nach der Publikation der Clementinen, die den Konstitutionen von
Wien Rechtskraft gaben, verkündet Bischof Johann am 22. Juli eine
Reihe von Bestimmungen, die in die rechtlichen Verhältnisse der Bettelorden
stark eingreifen. In seinem Rundschreiben an die "Konföderation"
der sich am 5. August offiziell zusammenschließenden Äbte und
Äbtissinnen und Prioren der Weltgeistlichkeit Straßburgs und
Umgebung gegen die Prediger und Minoriten ergeht er sich fast ausschließlich
in detaillierten Ausführungsbestimmungen zur Mendikantengesetzgebung
- und verliert kein Wort über die Beginen, was die Pfarrer der Stadt
nicht daran hindert, diese zu verfolgen.
Es gehörte zur Aufgabe der Bettelorden, offene Beginengemeinschaften
in regulierte Ordenshäuser zu überführen. Durch diese Betreuung
verlor der Stadtklerus jedoch an Einfluß und insbesondere Einnahmen.
Wahrscheinlich entstehen in dieser Zeit das Traktat Das Buch der göttlichen
Tröstung sowie die sowohl als Traktat wie auch als Predigt lesbare
Schrift Vom edlen Menschen. Wahrscheinlich auch hat er in seiner Straßburger
Zeit Kontakt mit seinen "Schülern" Johannes Tauler (1300-1361) und
Heinrich Seuse (1295-1366).
1319
Am 18. Januar verbietet Johann I. den Beginenstand
und fordert die Bettelorden auf, diese nicht weiter zu "begünstigen".
Aufgrund heftiger Proteste der Orden sieht sich Johannes XXII. in seiner
Bulle Etsi apostolice sedis vom 23. Februar
veranlasst, den geistlichen Status der Drittorden zu bestätigen.
Daß es bei alldem letzten Endes ums "Geld" ging - die Dominikaner
waren aufgrund der ihnen überlassenen Schenkungen vermögender
Frauen durchaus beneidet - zeigt sich in einer Anordnung des Papstes Johannes
XXII. vom 26. Juni an den Dekan der Kirche St. Petri, in der dieser aufgefordert
wird, die den Dominikanerinnenklöstern entzogenen Güter zurückzugeben,
was den Bischof und das Domkapitel nicht daran hindert, am 26. September
einen gemeinsamen Font für künftige prozessuale Auseinandersetzungen
vor der päpstlichen Kurie aufzulegen.
Das zeigt die Situation, in der sich Eckhart befand. Man darf wohl davon
ausgehen, daß er den Frauen sowohl in seiner wie in ihrer Kirche
predigte. Offenbar hat man sein Eintreten für die Belange des Ordens
und seiner Seelsorge anvertrauten Frauen dazu benutzt, ihm persönlich
seine Predigtweise anzulasten.
"Der Straßburger Rulman Merswin schrieb später, ein frommer
Priester habe Eckhart damals angesprochen, um ihm eine freundschaftliche
Warnung bezüglich seiner Predigten zu geben und ihn zu veranlassen,
das Predigen über Dinge, die sehr wenige Leute verstehen könnten,
zu unterlassen"
Antwort gibt Eckhart im Liber benedictus
am Ende des Buches:
"Das andere Wort, das ich sagen will, ist dies, daß mancher
grobsinnige Mensch sagen wird, viele Worte, die ich in diesem Buche und
auch anderswo geschrieben habe, seien nicht wahr. Was kann ich dafür,
wenn jemand das nicht versteht? Mir genügt's, daß in mir und
in Gott wahr sei, was ich spreche und schreibe. Auch wird man sagen, daß
man solche Lehren nicht für Ungelehrte sprechen und schreiben solle.
Dazu sage ich: Soll man nicht ungelehrte Leute lehren, so wird niemals
wer gelehrt, und so kann niemand lehren oder schreiben. Denn darum belehrt
man die Ungelehrten, daß sie aus Ungelehrten zu Gelehrten werden.
Gäbe es nichts Neues, so würde nichts Altes. Ist aber jemand,
der dieses Wort unrecht versteht, was kann der Mensch dafür, der
dieses Wort, das recht ist, recht äußert? Sankt Johannes verkündet
das heilige Evangelium allen Gläubigen und auch allen Ungläubigen,
auf daß sie gläubig werden, und doch beginnt er das Evangelium
mit dem Höchsten, das ein Mensch über Gott hier auszusagen vermag;
und oft sind denn auch seine sowie unseres Herrn Worte unrecht aufgefaßt
worden."
Diese Haltung ist kennzeichnend für Eckhart. Er will nicht verstehen,
daß jemand mit seinen Aussagen nicht klar kommt, wo er doch nach
seinem Empfinden nur die Wahrheit spricht und nichts als die Wahrheit.
Dieses völlige Unverständnis seinen Kritikern gegenüber
zeichnet auch den Ton seiner einige Jahre später verfaßten
Verteidigungsschrift aus, in der er sich dagegen wehren wird, daß
ihm aus seinen Sätzen herausgelesene Häresien vorgeworfen werden.
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