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Tucholsky Kurt
Ignaz Wrobel, Weltbühne 40, 6.10.1931
Parteiwirtschaft
Wie wäre es, wenn man einmal einen dämlichen kleinen Trick
aus unseren Politik entfernte, der darin besteht, jeder grade an der Macht
befindlichen Partei vorzuwerfen, sie betreibe Parteiwirtschaft -? Ja,
was soll sie denn eigentlich sonst betreiben -?
Das Wohl der Allgemeinheit..., ich weiß schon. Aber
ich möchte nur einmal wissen, wozu denn Wahlen und Propaganda und Parteikampf
da sein sollen, wenn nicht zu dem alleinigen Zweck, eine Partei an die
Macht zu bringen. Und wenn sie dort angekommen ist, was hat sie zu tun?
Natürlich ihre Macht zu gebrauchen. Das haben alle Parteien begriffen,
mit Ausnahme der SPD, der man sehr zu Unrecht den Vorwurf macht, sie mißbrauche
ihre Machtstellung. Sie hat gar keine. Es mag ja sein, daß die Pöstchenverteilung
für ihre Mitglieder angenehm ist - ihre Macht hat sie nie richtig benutzt:
sie hat stets nur Kompromisse gemacht, und die zu ihrem Schaden. Sind
die Rechten an der Macht, so benutzen sie ihre Macht, und sie tun recht
daran. Und das Zentrum... aber das ist ja in Deutschland immer an der
Macht. Die Zeitungen kreischen gegen Moskau, und das Land wird von Rom
regiert.
Doch sollte man mit jener tiefen Unehrlichkeit aufhören, jeder Regierung
vorzuwerfen, sie sei eine Parteiregierung. Natürlich ist sie das, und
das soll sie auch sein. Daß aber in Deutschland der Begriff "Partei"
bis auf das Rinnstein-Niveau gesunken ist, das ist eine andre Sache, und
hier sollte man zupacken. Der Rest ist Heuchelei.
Das Niveau, auf dem sich die meisten deutschen politischen Debatten bewegen
ist kaum noch zu unterbieten. Sieht man von einigen Jugendbünden ab, die
sich, besonders sehr weit rechts und sehr weit links, ernsthaft um einen
gesunden Kampf bemühen, das heißt, die den Gegner nicht bagatellisieren
und ihn nicht fortdisputieren, sondern die wirklich antreten - dann bleibt
ein Meer von Lügen. Man sehe sich etwa, wenn man die Geduld dazu aufbringt,
diese unsägliche Hitlerpresse an: wie das der Regierung vorwirft, das
Land nach Prinzipien zu regieren, also genau das zu tun, was jene tun
wollen. Es ist mehr als jämmerlich, was da getrieben wird.
Zu bekämpfen ist allein die Parteiwirtschaft, die sich nicht offen als
solche bekennt, sondern die vorgibt, für das große Ganze zu arbeiten,
so, wie die katholische Kirche gern >die Natur< vorschiebt, wenn
sie ihr Dogma meint. Sagt, was ihr wollt, und sagt, was ihr tut, wenn
ihr an der Macht seid. Euch dann noch Parteiwirtschaft vorzuwerfen, ist
die Negierung jeder Politik.
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