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Achim von Arnim

Zu Hause las er gleich, den Hut noch auf dem Kopf, diesen Traum seinem Bruder vor:

«Es mochte ungefähr drei Uhr morgens sein, wie ich nachher vom Wächter erfuhr, da sah ich nach Südost sich die Sonne glorreich durch die Wolken brechen, deren Ränder vergoldet waren. Indem ich so hinsah, so herrlich hatte ich es nie gesehen, da dachte ich und rief. 'Es ist erst drei Uhr und auf unsrer Erdseite noch dunkle Nacht, und doch bricht die Sonne durch.' Indem ich darüber nachsann, wendete ich mich Nordost und sah den Mond bleich und bewölkt, aber an seinen beiden Seiten waren zwei leuchtende Kugeln wie Sonnen, die ihn allmählich erleuchteten und zu einer Feuersäule erhoben, und indes ich ihn so mit Vergnügen betrachtete, erhebt sich daraus das köstlichste Gebäude, was menschliche Kunst nie nachbilden kann. Die Säulen waren ungeheuer und rauh aufgebuckelt mit köstlichen Steinen, der Flur gläsern, aber so hoch, daß ich den obern Teil nicht unterscheiden konnte, die Architektur so zusammengesetzt, daß ich sie nicht benennen konnte, aber alles durchdrungen von einer übermenschlichen Schönheit, Größe und Macht. Ich war in tiefer Betrachtung versunken, als mich der Wächter, der dreie ausrief, aus dem Schlaf weckte; ich konnte noch lange nachher den Traum deutlich vor mir sehen, allmählich verschwand erst das Gebäude.» -

Der Bruder lachte und machte eine zotenhafte Auslegung davon, aber Laudon wurde sehr böse, versicherte ihm, es sei viel eher eine religiöse Schwermut darin. Da setzte sich Laudon hin und meinte mit Siegsgeschrei, alles gefunden zu haben, schrieb auch gleich an die schöne Träumerin:

«Beste Frau. Ehe ich meine Auslegung des Traumes Ihnen mitteile, den Sie mir hergaben, erkläre ich voraus, daß, so christlich meine Deutung, ich durchaus nicht als ein Ritter für das Christentum auftreten möchte, das durch Mißdeutung seiner heiligen Wahrheiten eher könnte gefährdet werden. - Die aufgehende frühzeitige Sonne ist das erste Erscheinen unsres Herrn Jesus Christus in Judäa, wie oft ist er genannt das Licht der Welt und die Sonne der Gerechtigkeit. Die mit Gold verbrämten Wolken zeigen die Dunkelheit der damaligen Welt mit Ausnahme weniger. Der Mond in Nordost bezeichnet die erste Bekanntmachung des Evangeliums, der Nord ist immer zuerst genannt, er bezeichnet das Beginnen, sein Dunkel die Erniedrigung und die Marter unsres Herrn, die beiden Feuerkugeln sind Vater und Heiliger Geist, die allmähliche Erleuchtung und Vergrößerung des Mondes zeigt den Fortschritt des großen Werks der Erlösung. Daher die Wonne bei diesem Anblick, der mit dem großen Gebäude des Christentums schloß, das kein Mensch überschauen kann. Die kostbaren Steine bezeichnen die eingeborene Schönheit der Tugend, der gläserne Flur die Heiterkeit eines wahren Christen. Die Architektur war freilich allzusehr zusammengesetzt, um in die Säulenordnungen der Menschen sich zu fügen, denn die Engel streben in ewiger Seligkeit darnach, sie zu kennen, die Teufel selbst glauben daran und zittern davor. Möge diese Betrachtung Ihr Gemüt beruhigen, dem ich gleiche Überlegenheit über menschliche Zweifel wünsche, als Ihr Geist über den Verstand anderer Menschen ausübt; dies ist der Wunsch Ihres ergebenen Laudon Gordon.

N. S. Ihrer artigen Aufforderung gemäß werde ich Ihnen mit meinem Bruder nächsten Freitag meine Aufwartung machen. -

Die Brüder wurden den Freitag angenommen mit den herzlichen Begrüßungen, die zwischen alten Bekannten herkömmlich, sie sagte aber kein Wort von dem Traume und der Deutung, überhaupt erschien sie Laudon nach den ersten Begrüßungen anders, sie wandte sich viel gegen Lockhart, und was sie ihm sagte, hatte immer eine gewisse Beziehung zu dem. Lockhart sagte, daß er furchtsam gewesen, den Tag zu ihr zu kommen, da er seine Stiefeln sehr beschmutzt. Sie sagte lachend: «Ich dachte nicht, daß Sie je furchtsam wären, da Sie ein Christ sind»; dann fuhr sie fort: «Niemand soll wohl so wie ich an eine Vorsehung glauben, ich bin unglaublich unterstützt worden, als ich jede Art Not, selbst Geldnot erlitt.» - Laudon war verwundert, wie sie so sehr unglücklich gewesen, wovon sie ihm nichts bekannt, doch schob er es auf Rechnung ihres Zartgefühls, ihn nicht betrüben zu wollen. Darauf fragte sie nach Gordons Mutter, und als sie hörte, daß sie noch wohl sei, erwiderte sie: «Ich freue mich, es zu hören, es ist eine ausgezeichnete Frau, aber gestehen Sie, ihre Grundsätze sind allzu streng.» - «Wenn Grundsätze je zu streng sein könnten!» meinte Lockhart. Ohne bestimmt zu sagen, daß sie beide hier von ihrer Trennung sprachen, fuhr sie doch fort, als wenn sie sich verstanden, ihren Schritt zu entschuldigen; sie erzählte sehr rührend, wie sie von allen verlassen gewesen, welche die Natur ihr verbunden, seit sie Herrn Lee geheiratet; seine üble Sitten hätten alle zurückgeschreckt, es hätte jeder wohl gefühlt, daß sie recht täten, sich zu trennen, eben deswegen hätte es ihr niemand raten wollen, sie hätte ihre Tage in Tränen zugebracht, um nachts mit dem verhaßten, harten Manne ein freudeloses Lager zu teilen, ihrer Zärtlichkeit und ihrer Verzweiflung hätte er gleich gespottet, ein Rudel Hunde wären seine Vertrauten gewesen! Sie wurden beide gerührt, das drückte ihr Lockhart sehr lebhaft aus; da erinnerte sie ihn an die glücklichen Tage ihrer Kindheit, wo sie ohne Ursach stundenlang miteinander gelacht, sie erinnerte ihn, wie er immer so kurz angebunden gewesen, wie er sie immer kurzweg Dasch genannt, wie er an die Tür gedonnert, wenn er aus der Schule gekommen, die sie zu öffnen den Auftrag hatte, und geschrien: «Dasch, fix, ich will hinein!» Lockhart, wie alle rauhe Leute, wenn sie einmal erweicht, so bedauern sie es, nicht immer so gewesen zu sein, er mäßigte seine Stimme und versicherte: es täte ihm herzlich leid, wie rauh und plump er damals nach Schulbubenart sie behandelt, es wäre aber von ihm gar nicht so böse gemeint gewesen, wenn er sie zuweilen geschlagen, er hätte es ihr nicht anders sagen können, daß er ihr gut gewesen. - Mistris Lee antwortete: «Sie haben mich nie übel behandelt, ich habe auch alles gut aufgenommen und Sie nie verklagt, ich nahm alles als ein Zeichen von Zuneigung, ich hielt Sie für einen großmütigen, offenherzigen Knaben.» - Laudon erinnerte sie an ihr Richardsonsches Verhältnis, sie schwieg, als wäre es ihr fast vergessen, endlich wiederholte sie, daß sie zu jeder Zeit Lockhart sehr gern sehen würde. Die Brüder nahmen Abschied, Laudon wollte zuletzt im Zimmer bleiben, sie sah ihnen nach durch die Türe. Lockhart meinte auf der Straße zu seinem Bruder, es sollte ihn recht ärgern, wenn sie glaubte, er hätte sie bis dahin absichtlich vernachlässigt, er wolle künftig gelegentlich immer Karten bei ihr abgeben.

Laudon erhielt darauf folgenden Brief von Mistris Lee, es war der erste, er untersuchte erst alles daran, er war mit dem Hoffnungsanker besiegelt, die Form war etwas unregelmäßig, dann riß er ihn schnell auf und las:

«Ihre Traumdeutung ist voll Geist und gesunder Vernunft, jener in dem Durchschauen der phantastischen Welt, diese in dem Bekenntnis, daß es nur Wahrscheinlichkeit. Hier muß ich Sie aber warnen gegen dramatische Phantasie, die sich in verschiedne Verhältnisse setzt, was der Eitelkeit schmeichelt, aber den einen natürlichen Eindruck aufhebt. Der Ausdruck: die Sonne der Gerechtigkeit für Christus, wenngleich nicht neu, ist doch sehr schön, für viele seiner Nachfolger war sie es, aber der größere Teil war unwissend und lasterhaft. Einige mystische Schriftsteller nennen ihn den Tagsquell. Ihre Auslegung von der großen Säule machte mir ein inniges Vergnügen, auch glaube ich, daß Tugend dem Menschen eingeboren, aber im jetzigen Zustande der Welt ist die Heiterkeit, die der Tugend notwendig, fast unerreichlich. Die natürliche Anziehung zu allen, die unsre Kindheit erfreuten, veranlaßt mich, um Ihren Besuch noch diese Woche zu bitten.» -

Er versäumte sie darauf ein paarmal, einmal wegen Beschäftigung, vielleicht auch aus Absicht, weil sie ihn einmal so kurz entlassen; sie schrieb ihm nochmals zu kommen, und sie kamen acht Tage darauf zusammen. Die Träume und ihre Auslegung beschäftigte sie beide lange, Laudon hatte sich von Lockhart allerlei Gelehrsamkeit dazu gefischt, er versicherte ihr, daß ihr Traum sicher wahr werden müsse, da Horaz nach der Mitte der Nacht die Zeit wahrer Träume setzt; dann erinnerte er an die schönen Worte Ovids über Träume, die alles wiedergeben, was die Abwesenheit genommen. Er kam auf Brutus, daß der sicher geschlafen, als er das Phantom gesehen; endlich auf Alexander, der vor dem Anfange des persischen Krieges träumte, ein alter Mann in fremder Kleidung komme ihm vor einer ihm unbekannten Stadt entgegen, aber er werfe sich aus Ehrfurcht vor ihm nieder. Vor Jerusalem sah er diesen alten Mann des Traums, es war der Hohepriester der Juden, und er warf sich vor ihm nieder. - Mistris Lee fügte sich endlich in die Meinung, daß Träume wohl zu guten Zwecken ausgesendet sein können, und fuhr fort: «Wenn das ist, so habe ich ihnen etwas Eigenes mitzuteilen, was mir träumte.» Laudon fragte. Sie hielte es für Schuldigkeit, fuhr sie fort, Laudon in Zeiten zu warnen, sich nicht in sie zu verlieben, sie verlangte deswegen, so oft er käme, möchte er sie gleich als ganz alt und häßlich denken; da sie wenig ihrer selbst bewußt wäre, so möchte ihr Reiz ihm um so gefährlicher sein. Laudon ergriff ihre Hand, sah ihr in die Augen und sprach: «Es ist zu spät diese Vorsicht, ein Glück für mich, sie ist zu spät; mein Glück ist in Ihrer Hand und war von meiner Kindheit nur in Ihnen und bei Ihnen. Gedenken Sie, wie ich halbe Nächte vor der Tür Ihrer Schlafkammer Ihnen vorgelesen, wie ich für Sie mit dem starken Lockhart mich oft geschlagen, und wahrlich, es war der traurigste Tag meines Lebens, der mir anzeigte, daß Sie die Arme eines andern umschlossen.» Sie fragte: wie er diese Nachricht empfangen? es wäre ja nur kindische Anhänglichkeit gewesen zwischen ihnen, wie sie sich darauf hätte verlassen sollen. Laudon: «Und doch ist diese ganze Anhänglichkeit noch in mir, und tausendfach andre von diesen Tagen.» - Lee: «Nun wohlan, so mag ich's gestehen, ich liebe Sie noch wie immer», und da legte sie sich über den Tisch und deckte ihre Augen, ergriff aber Laudons Hand: «Was haben Sie sich vorgenommen? Wollen Sie mit mir in diesem Hause zusammenleben? Auch wenn Sie es wünschten, es geht nicht, mein Mann wohnt nur zwei Straßen von hier.» - Laudon sprang von seinem Stuhle auf und küßte sie vielfach und sagte, er habe keinen Plan, aber was ihr lieb, das wollte er unternehmen. Sie schien sehr zufrieden, es war der unschuldigste Augenblick ihres Lebens, es hatte sie alles überrascht, ohne sie zu erschrecken; der Zufall wollte es gut, aber der Mensch tut meist etwas zu viel. So fragte sie, was die Welt zu ihrer Verbindung sagen würde. Laudon: «Die Liebe ist nicht umsonst leicht geschwingt, um sich über menschliche Bande zu erheben.» - Und da wurde sie unendlich freundlich, legte ihre Hand unter sein Kinn: «So ist es wirklich dein Ernst, daß ich deine kleine Frau werde?» - Laudon seufzte: «Noch verbieten die menschlichen Bande, daß du etwas anders als meiner Seele Herrscherin bist.» Da beweinte sie herzlich ihre unbesonnene Heirat und sprach von Entführung; sie wurden immer lebendiger miteinander, und sie brach mit einer Art Erschrecken ab, ging zum Bücherschrank und holte ein geschriebenes Buch heraus, worin sie manches aus Browns Gedicht von der Unsterblichkeit abgeschrieben, sie las daraus vor und gab es ihm. So schwer es ihm wurde, nahm er Abschied, er ging nach Hause, hatte aber keine Ruhe, er wollte lesen, hatte aber keine Achtsamkeit, er meinte, daß er etwas versäumt habe, und lobte sich doch, daß er ihre Güte nicht mißbraucht. Der Tag verging, da sah er, Lust an Lust gedrängt, Männer und Frauen auf den Straßen, diesen heimlich, jenen öffentlich, er wollte nur vor ihr Haus schleichen, um zu sehen, ob sie noch wachte. Ganz leise schlich er hin, da sah er Licht, es war eilf Uhr; er klopfte an, der Bediente sagte, die Frau wäre zu Bett. Er wollte es nicht glauben, er sagte, er habe ihr eine wichtige Neuigkeit zu sagen. Der Bediente kam zurück, daß sie schon schliefe; er sagte, daß er den Morgen wiederkommen würde, durchlief die Straßen nach allen Richtungen und warf sich angekleidet auf sein Bette. Am Morgen war er wieder bei ihr, die Magd öffnete die Tür und gab ihm gleich ein Briefchen in die Hände, er öffnete es heftig und las -

«Ich kann Ihre Übereilung der vorigen Nacht nur aus Trunkenheit erklären, ehe Sie sich nicht entschuldigt, kann ich Sie nicht wiedersehen; wenn Sie mich nicht als Freund meiner Kindheit wiedersehen können, so ist es besser, wenn wir alle persönliche Bekanntschaft abbrechen.
-

Er konnte nicht antworten und ging taumelnd zur Türe hinaus; am Abend gab er im Flur einen Brief ab, der unter hunderten, die er zur Entschuldigung geschrieben, der letzte und der schlechteste war:

«Verehrte Frau. Mit Recht schreiben Sie meinen späten Nachtbesuch der Trunkenheit zu - eine Seele war trunken von einem köstlichen Trank, den meine Lippen auf Ihren Lippen eingezogen. Den Wein verschmähten sie seitdem, kein Tropfen war über meine Lippen gekommen, ich aß zu Hause. Vergeben Sie diese einzige Handlung meines Lebens, die Sie geängstiget; bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung, sehen Sie mich und mögen Sie mich wie einen Negersklaven, wie einen Hund behandeln, ich will es dulden, ich habe es verdient, aber sehen muß ich Sie.» -

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