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Arnim Achim von

Hemkengriper blieb in mancher Bedrängnis zurück. Die Täflein hatten ihm einen Blick in ein weibliches Herz gegönnt, das er sonst nur aus den erotischen Schriften der Alten kannte. Es war ihm verwunderlich, daß sich diese Primula an dem Fleiße und Fortkommen eines jungen unbedeutenden Burschen jahrelang erfreute, so ein Wesen hätte in seinen Kram, in sein Haus gepaßt, und die längst aufgegebenen Heiratsgedanken kehrten zurück. Er wünschte sich statt Jan in die Dule zu treten und redete sich vor, es sei nur um den Schimpf zu sehen, mit welchem ihn die Anhänger Zahnebrekers empfangen würden, eigentlich hätte er aber Primula ganz unbemerkt sehen und belauschen mögen. Welcher Rat dafür bei den Alten? Er dachte an Vertumnus und Pomona, fand den Kleiderschrank der Frau Bathseba offen und stand nach wenigen Minuten vollständig wie ein dienendes Frauenzimmer gekleidet, mit Haube und Strohhut vor dem Spiegel, ohne durch den Bart, den ihm die Natur versagt hatte, irgend verraten zu werden. Auch konnte er ganz gewiß sein, daß bei dem Andrange vieler Leute aus der Umgegend, die in der Dule den Abgang der Treckschuten abends erwarteten, ihm niemand besondere Aufmerksamkeit widmen, niemand die Verkleidung entdecken werde. Nur eine Sorge plagte ihn, ob er die wichtige Handschrift, welche Jan ihm hatte abschreiben müssen, in dem Hause zurücklassen oder mit sich herumtragen solle, sie gegen unglückliche Zufälle zu schützen. Endlich fand er eine glückliche Auskunft: da er nicht wie Bathseba drei wollene Latze und Unterkleider trug, so band er diesen Schatz wie eine Geldkatze um seinen Leib. Dann schrieb er einen Zettel an Bathseba, daß sie dem Griechen das Zimmer von Jan einräumen möge, ein notwendiges Geschäft werde vielleicht Anlaß geben, daß er erst spät nach Hause komme.

Mit einigem Herzklopfen betrat Hemkengriper den Ort, wo er sonst mit so vielem Glanze auf der Herkules-Linde war verehrt worden. Es waren nämlich zur doppelten Benutzung des beschränkten Gartenraumes auf den Linden Bühnen erbaut, wo ein Teil der Gäste sich abgesondert erlustigen konnte, während die Räume unter den Linden jedem geöffnet waren. Hier unten standen die Statuen, die ein Schiffer als Ballast von Athen mitgenommen und hier für eine schuldige Zeche abgesetzt hatte. Hemkengriper selbst hatte die Götternamen dieser alten Statuen ausgemittelt, sie dienten statt einer Nummer, und niemand lachte mehr, als eine Aufwärterin rief: «Diana will eine Tabakspfeife, Venus gebratene Tauben, Psyche ein Feuerbecken.» Und diese Aufwärterin, die so schön und rasch aufgewachsen, wer war es anders - als Primula, die er sonst kaum eines Blickes gewürdigt hatte. Ihre Mutter, die alte Agnes, brummte sie auf diese Bestellungen verdrießlich an: «Psyche kann warten, mit der Venus wird es noch Zeit haben, bring nur der Diana die Pfeife.» Bald geschah ein Aufschreien, ein Auslachen, die Alte hatte alles belauscht und brummte vor sich. «Sie hat dem reichen Tuchmacher eins abgegeben, weil er ihr einen Kuß aufheften wollte. Dummes Zeug! Da wird sie von niemand ein Geschenk erhalten. Was ihr nur so ein Kuß für Schaden tun kann? Sie hat keine Ader von mir, das Kind ist mir ausgetauscht. Die Ohrfeigen fallen ihr in die Hand wie überreife Birnen. Was ist die Folge? Der Herr wird uns den Abschied geben. Sie denkt nur an ihre Tulpen und an ihre Störche, und ich weiß nicht, woran sie sonst noch denkt.»

Ein alter würdiger Herr Bilderdik aus Amsterdam, in Samt prächtig gekleidet, und ein junger Mann, ein Schauspieler, der Brandan hieß und dessen er sich wohl erinnerte, nahmen jetzt seine Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie an der andern Seite der dichten Lindenhecke sich heimlich besprachen, ohne daß sie seine Nähe bemerkten. «Also Ihren Handschlag darauf», sagte der Alte, «Sie sagen niemand von dem unerwartet hier gefundenen Schatze, durch den sich diese unsere Spielreise so reichlich bezahlt macht. Sie erhalten zwanzig Prozent vom Gewinn.» - «Es bedürfte dieses Versprechens nicht», sagte der junge Mann, «nur die Erfüllung des von Ihnen mir schon Zugesagten, alle Ihre Bekanntschaft in der Stadt zur Auffindung des jungen Theaterdichters zu benutzen, der unsre Stadt entzückt, den Vondel stürzt. Wir müssen ihn als Direktor für unser Theater gewinnen, wenn er nicht zu vornehm ist, - denn leider heißt es, er sei der Sohn eines reichen Edelmanns und sein Name sei nur angenommen, um die Ehre des seinen nicht den Launen des Volkes preiszugeben.» - «Wir haben dazu noch manchen Tag», antwortete der Alte, «heute müssen Sie mich mit der Gelehrtenwelt bekannt machen.» - «Eine jämmerliche Welt», antwortete der junge Mann, «mir wird eng ums Herz, wenn ich daran denke, wie ich hier unter den streitenden Hähnen nur einmal mitgefochten habe. Mit welchen Träumen von der Herrlichkeit alter Weisheit trat ich hier ein, nicht die Worte, nicht die Gedanken allein, mein ganzes Wesen sollte ins Altertum hinüber leben, und die Alten sollten in mir auferstehen. Mit Staunen hörte ich die erste Zeit die beiden Sprachhelden Zahnebreker und Hemkengriper, denn ich dachte, nun wird es endlich kommen, endlich wird der Vorhang aufrollen. Aber immer blieb es bei den Kleinigkeiten, die jeder von ihnen entdeckt zu haben meinte, und dem andern abstritt, und selbst das Vorhandene ordentlich mitzuteilen, vergessen sie über diese gemeinen Klatschereien. Der Zahnebreker war doch wenigstens wie ein böses Kind, offenherzig mit seinen Niederträchtigkeiten, und darum siegte er auch endlich bei den jungen Leuten, denen so etwas mehr zusagte als das Edeltun und die heimliche Tücke Hemkengripers. Zu meinem Unglück kam ich diesem näher, und da ich etwas bei den Studenten galt, schmeichelte er meinen Erstlingsversuchen mündlich, während er sie öffentlich durch seine Anhänger schänden ließ und des feigen Nachsprechens der Halbheit sicher sein konnte, da Zahnebreker sich meiner als Anhänger seines Gegners nicht annahm. Die Eltern meiner Braut kündigten mir jedes Verhältnis auf, meine Mutter war tief bekümmert, weil die Geistlichen mit Achselzucken von mir sprachen, Hemkengriper aber war um so freundlicher gegen mich, weil er sein Netz nun geschlossen zu haben und mich ungestört zu der Bearbeitung seines Wörterbuches eingefangen zu haben glaubte. Er ist reich, er machte mir Vorschüsse, und so war ich ihm, wie einem Seelenverkäufer, gesetzlich verpfändet und geistig hingegeben. Da säße ich vielleicht noch und müßte Bände durchlaufen, um ein Wort zu entdecken in seltener Bedeutung, und mir wäre dieser Abraum als einzige Nahrung vom reichen Tische der Alten geblieben! - Doch der geheime Gott, Zufall von den Menschen genannt, wollte es, daß ein Matrose das Spiel eines Bösewichts im Schauspiele für Ernst nahm und ihn erstach, daß ich dem Direktor einige abgeschriebene Rollen vorgelesen hatte, daß er in der Verlegenheit auf mich fiel, daß ich die ersten Bösewichter mit Erfolg darstellte, indem ich bald Hemkengriper, bald Zahnebreker nachbildete, daß ich beklatscht wurde, ohne daß jemand die Originale erkannte. Das ist meine Geschichte, wie ich Schauspieler wurde, und seht da, eins meiner Vorbilder, den Zahnebreker, wie er mit seinen buschigen schwarzen Augenbraunen, die er schrecklich auf der gelben faltigen Stirne zusammengezogen, gleich Jupiter die Welt regiert und die Studenten von seinem Lindenthrone herab zu einem lateinischen Gassenhauer aufmuntert, den er vor langer Zeit verfertigte. Seht nur den Eifer, ihm nahe zu sein, seinen Willen auszuführen. Hört nur in der Nähe, - da riß er wieder einen Witz, als ob er ihm eben eingefallen, den er regelmäßig anbringt, so oft neue Zuhörer kommen.» - «Ein schlimmes Völkchen», sagte der alte Herr, «aber dies Gestreite mag die Leute doch anregen und fortrücken, wie das Gesumme auf unsrer Börse den Handel und Wandel.» - Mit solcher Betrachtung schieden sie und ließen Hemkengriper in der seltsamen Lebensgefahr eines Basilisken zurück, der sein Bild zum erstenmal im Spiegel gesehen und aus Schrecken nicht einmal recht scharf hinzusehen gewagt hat. Aber bald hatte er sich gefaßt, er dachte, daß Brandan noch ein Mensch der Öffentlichkeit sei, obgleich kein Philologe, die Lust gegen ihn zu schreiben, erfüllte ihn mit einem Zittern, er sank in Ohnmacht vom Stuhle herab, und der Schriften-Ballen, aus den haltenden Bändern gedrängt, rollte unter den Röcken hervor. «Gott steh ihr bei in Kindesnöten!» seufzte ein schwaches altes Mütterchen, aber die jüngere Tochter, die herbeigesprungen und die Schriften betastet, rief ihr tröstend zu: «Nein, Mutter, das ist kein Kindlein, es ist ein Schreibebuch.» Unterdessen war auch die alte Agnes herbeigehinkt und half den ohnmächtigen Hemkengriper in das Haus und auf das Bette der Tochter bringen.

Ohne diese kleine Unordnung zu beachten, war jetzt Jan, nachdem er den Griechen bestellt hatte, in den Garten getreten und hatte, verwundert, wie er sich anders vom Storchneste ausgenommen, seinen Platz zufällig unter Zahnebrekers Bühne an einem Tische genommen, wo aus Gewohnheit sonst nur Studenten zu sitzen pflegen. Sie spotteten in dem Kauderwelsch der Studentensprache über ihn, und die verstand er nicht, ebensowenig beachtete er ein paar spöttelnde Anfragen der Nachbarn, sondern beantwortete sie halb im Traume. Denn wie ein berechneter Komet dennoch zur Verwunderung des Sternkundigen zum erstenmal durch den Nachthimmel leuchtet, so kam Primula auf Zahnebrekers Ruf mit dem kristallenen Ehrenbecher voll rubinroten Weines sorgsam, daß nichts verschüttet werde, den Weg zu Jan dahergeschritten. «Sie ist es», rief es in seiner Brust, «so träumte Icarus»; und als sie näher trat, schien sie auch ihn zu erkennen, denn sie lispelte leise die ihm unverständlichen Worte: «Jan, was wollt ihr hier?» - Dabei schien die Röte ihrer Wangen zu schwinden, der Deckel des Kristallglases bebte, sie schlug ihre Augen nieder, als blicke sie mit Andacht nach dem Weine, und mäßigte ihren Schritt, indem sie die andre Hand an den Deckel legte. So sorgsam stieg sie die Treppe hinan, und die Strahlen der sinkenden Sonne warfen den blutroten Schein des Weines auf Jan, der nur das durchschimmerte weiße Kleid und die zierlichen Füße in grünen Schuhen wahrnahm. Oben hörte er deutlich den Namen Primula von Zahnebreker aussprechen, er sah sie rasch vor seinen Scherzen die Treppe hinabeilen, sah, wie sie eine Stufe im Herabsteigen verfehlte, und doch, wie von einem Traum gefesselt, sprang er ihr zu spät zu Hilfe, als sie sich schon selbst durch einen glücklichen Griff nach dem Geländer gerettet hatte. Dennoch reichte er ihr die Hand, aber sie wagte nicht, diese liebe Hand anzunehmen, sondern sagte nur: «Eure Hilfe kam diesmal zu spät, Jan, Ihr denkt wohl, ich bin so geschickt im Klettern wie Ihr, aber Euch wäre besser, Ihr säßet im Storchneste als hier.» - Ein Ruf aus dem Tempel des Apollo nötigte sie fortzueilen, und Jan saß nicht lange im Nachsinnen, welche Gefahr ihm drohen könne, als es um ihn her schon unruhig wurde. - «Ich gebe mein Ehrenwort», sagte einer, «dieser junge freche Kerl ist der Secundus, welcher jetzt Famulus bei der Blindschleiche, beim Hemkengriper, ist, ich erkenne ihn an seinem Josephsrocke, es ist der Secundus, welcher die tückischen Artikel gegen unsern Meister verfaßt hat in dem Zeitungsblatte, unter andern, wie er einen Zettel vom Butterteller verloren, und daß darauf jene Ergänzungen des Aeschylus gestanden, die Zahnebreker entdeckte und womit er soviel Licht verbreitete. Dann machte er sich wieder lustig über das Lobgedicht, welches wir Zahnebreker überreicht.» - Jan hörte wohl diese Anklage, aber er meinte gar nicht, daß es ihn angehe, da er von diesen boshaften Aufsätzen, die Hemkengriper unter seinem ihm angetauften Namen Secundus drucken lassen, nie ein Wort bei seiner Scheidung von der Welt vernommen hatte. - Ruiter, ein großer älterer Student, fand sich aber von seiner Heftigkeit berufen, geradezu vor Jan hinzutreten und ihn zu fragen: «Steht sein Name auf dem Wisch gegen mein Lobgedicht, so will ich ihn zeichnen, daß er von jedermann an Galgen und Rad auf seiner Backe erkannt werden kann.» - «Der Mauerbrecher ist gespannt», rief einer, «der Bösewicht muß gestürzt werden.» - «Die Sündflut kommt», rief ein anderer, «pereat Hemkengriper und sein ganzer saubrer Anhang!» Bei diesen Worten hatte Ruiter zwei Bierkrüge ergriffen und sie über Jan gestürzt. Was half es ihm, daß es vom Leydener Biere war, es verdarb ihm sein sauer erworbenes Ehrenkleid, das er dem Kleiderschranke Hemkengripers abverdient hatte, ein Kleid von seltsamer violetter Farbe, woran er zuerst erkannt worden. Jener Schimpf, dieser Verdruß vereint hatten ihn viele Jahre zurückversetzt in die Gewohnheiten der Matrosen, mit denen er bei seinen Pflegeeltern verkehrte, und seine Hand mit dem Brotmesser bewaffnet, das er nach damaliger Gewohnheit in lederner Scheide in einer Seitentasche seiner Beinkleider trug. Ruiter wurde durch diesen entschlossenen Griff von dem zweiten Bierschusse abgehalten, den er schon aufgelegt hatte, und zog zu seiner Sicherheit gleichfalls ein Messer, während die Freunde als kundige Vermittler solcher Zweikämpfe mit Jan besprachen, wie die Spitzen sollten abgebrochen werden von den Messern und wieviel jeder sollte vorstehen lassen von der Schneide. Jan aber lachte grimmig auf, warf sie mit schneller Wendung wie ein Bär die Rüden auf die Seite, stellte sich Ruiter gegenüber und rief: als er ihn begossen, habe er auch nicht bemessen, wieweit er naß werden sollte, es sei ihm aber eiskalt bis ans Herz gelaufen. Er breche kein Messer, wenn er es brauche, und so weit es in seines Feindes Herz reiche, wolle er es brauchen. Das fanden die Anwesenden gegen den Studentenbrauch, aber er lachte wieder und trieb sie und seinen Gegner aus einer Ecke der Lindenhalle in die andere, bis er sie alle hinausgefochten zu haben meinte. Aber hier an dem Eingange hatte er zwei entschlossene und gewandte Burschen übersehen, die, erst zurückgebeugt, seine Arme von hinten faßten, mit Tüchern umstrickten und geschickt auf dem Rücken zusammenzogen, ehe er ihnen etwas anhaben konnte. «Hab manches Roß so niedergeworfen», rief der eine, «will auch mit dir fertig werden», und schlug ihm mit einem Schemelbein das Messer aus der Hand. So fand sich Jan wehrlos seinen Feinden gegenüber, auch hätte sich Ruiter wohl noch an ihm gerächt, aber der eigne Blutverlust hatte ihn entwaffnet, und der Schrecken seiner Freunde über die tiefe Wunde wendete ihre Gedanken zum Beistande, sie führten ihn aus dem Gedränge, wo sich schon manche Stimme gegen die Studenten hören ließ, nach einem Keller, wo Bier gezapft wurde. Die übrigen fragten Zahnebreker, was zu tun sei bei der Wachsamkeit der grünen Schelme, denn so wurden die sechsunddreißig Wächter genannt. Zahnebreker riet, daß sie mit dem Schiffe abführen, das sich eben gefüllt hatte, um ihr Alibi zu beweisen, und so blieb Jan, wie ein gefesselter Prometheus, angebunden bei einer Linde zurück, von den zudringlichen Fliegen wegen des Bieraufgusses wie von Geiern umflogen und benagt, trotzig in seinem Herzen gegen alles Mißgeschick, das ihn noch treffen könne, ohne die kleinste Hoffnung eines guten Ausgangs.

Da nahte ihm Primula eilig, durch den Bericht eines Fremden ungewiß, wer schwerverwundet sei, und freudig überrascht, als sie Jan, ein paar leichte Armwunden abgerechnet, unverletzt wiedersah. «Ich warnte Euch», sprach sie, «aber Ihr wolltet nicht hören, ich hatte es gleich weg, daß Euch Zahnebreker als Feind erkannt hatte. Vielleicht hat es nichts auf sich, - ich habe hier schon größere Unglücksfälle erlebt.» - «Ach, Primula», seufzte Jan, «du bist mir nahe in Wirklichkeit und Wahrheit, alles andre mag ein Traum sein.» - «Primula heiße ich, das ist wahr», sagte sie, «aber jetzt hütet Euch vor allem Wundfieber und falschen Träumen, Eure Wunden will ich verbinden und etwas gegen die Entzündung sprechen, was gewiß hilft.» Sie riß einen Streifen ihres Hemdes ab, sie brach einen Zweig, sie drückte unter Gemurmel den Zweig auf die Wunde, und er meinte etwas von den Versen zu hören, die Protea dem toten Icarus sang. Als sie die Wunden mit dem leinenen Streifen gebunden, glaubte er sich ganz geheilt, und doch war noch eine Wunde auf seiner Brust zu verbinden, welche sie jetzt erst wahrnahm und die gewiß seinem Leben ein Ende gemacht hätte, wenn der Hauptstoß nicht die eine der kleinen hölzernen Tafeln getroffen und gespalten hätte, die er statt der Störche jetzt unablässig auf seiner Brust trug. Sie nahm diese Tafeln ihm ab und sagte leise: «Du sollst sie wiederhaben, jetzt kommen die Männer vom Gericht, sie würden unser liebes kleines Geheimnis verraten.» Dann verband sie auch diese Wunde, während schon die drei Haltefeste ihn bei Rock und Weste gepackt hatten. Sie fragten, wer ihn verwundet habe? Er antwortete, daß er es nicht wisse. Der eine der drei grünen Männer war unterdessen von Zahnebreker unterrichtet worden, daß dieser Verwundete zuerst das Messer gezogen habe, und inquirierte weiter, indem er zugleich der verbindenden Primula einen Kuß zu geben trachtete. Aber Jan fuhr unsanft dazwischen, und jener, ergrimmt, sprach von beleidigter Obrigkeit und vom Brummstall, wo er solle beten lernen. «Es ist mein Bräutigam», entgegnete Primula, «darum ist es recht, daß er für meine Ehre sorgt, und ich bin eine Bürgerstochter und will gut für ihn sagen.» - «Geld her!» - «Da in der Tasche sind zehn eingenähte Gulden, das andre Geld gehört dem Herrn.» - «Wenn's nicht dreihundert sind, so haben wir keine Sicherheit, denn dieser Mensch ist ein Rebell gegen die Obrigkeit, hat sich an uns vergriffen, fort, marsch ins Stadtgefängnis.» - Nur ein Blick war noch vergönnt, da zogen sie fort mit ihm und der ganze Schwarm der Neugierigen ihm nach. Primula blieb einsam zurück mit den beiden Musikanten, welche die Zeit der Verwirrung benutzten, das Bezahlte und Ungenossene sich anzueignen. Sie störte die beiden armen Seelen nicht, sondern weinte aus tiefstem Herzen im Dunkel der verödeten Laubhalle, und horchte nach den Störchen, die eifrig klapperten, als ob sie ihre Teilnahme für beide Pfleger ausdrücken wollten. Trostlos warf sie sich in der Laube auf ihre Kniee nieder, nicht vor dem Götterbilde, denn es war in Nacht verhüllt, sondern vor dem Unsichtbaren, dessen alles Sichtbare bedarf. Schon fühlte sie sich stärker, als die Musiker, um ihren Dank abzustatten für das unbezahlte Mahl, mit ihrer Geige und Pfeife ein Abendlied anstimmten. «Die gottlose Musik», rief sie in ihrer Not, «schringt wie scharfer Essig in der Wunde, Höllenmusik, Lügenmusik! Wenn einem ohnehin wohl ums Herz ist, da tut sie mit uns schön, verspricht sichern Trost für jeden künftigen Jammer, und kommt dieser nun wie ein Feind über Nacht, so ist sie mit ihm einverstanden, das Herz zu zerreißen und die Gedanken zu verwirren.» -

So ist es aber mit allen unsern Künsten, setzen wir hinzu, Kinder der Dämmerung sind sie, weder der helle Mittag noch die schwarze Mitternacht können sie bewahren, dennoch hat jeder Tag und jedes Leben seinen Morgen, seinen Abend, wo sie gelten. «Fort mit euch», rief sie endlich, «es ist zu spät», und auf ihren Wink fuhren die beiden Kläffer, Mopsulus und Spizilus, wie sie Zahnebreker getauft hatte, auf das pfeifende Binsenlicht und auf den geigenden Schwamm, so daß beide, mit ihren musikalischen Werkzeugen bewehrt, ihren Rückzug nicht ohne Gefecht zustande brachten.

Dann fuhr Primula fast unbewußt der Bahn ihrer Töne nach, wie eine Blinde, und es kamen Worte aus ihrem Herzen, die wir uns deuten wollen:

«Wann wird die Nacht mir enden,
Wann werd ich wieder wach,
Wann trägt auf goldnen Händen
Auch mich ein lichter Tag?
Es ist des Herrn Wille
Auch dieser schwere Traum
Er ruft mich in der Stille,
Er füllt den leeren Raum.

Nun ich auf meinen Knien
Zu dir, o Herr, gefleht,
In meiner Tränen Glühen
Hat Hoffnung mich umweht.
Ich sehe Blitze leuchten
Durch diese schwüle Luft,
Die wen'gen Tropfen feuchten
Des Herzens dürre Gruft.

Es fühlt sich neu belebet
Bei diesem hellen Schein,
Ein Engel es umschwebet,
Und führt mich zu dir ein,
Er führt auf schmaler Brücke
Mich übern tiefen Schlund,
Er öffnet meine Blicke
Und schließet mir den Mund.

Oh, könnt, ich ewig beten
Zu dir, o Herr, im Geist,
Da würd' auch ich betreten
Dies Land, das sich mir weist.
Doch ich werd' fortgetrieben,
Ich dien' für Menschenspott,
Dein Trostwort nur ist blieben:
Dien' treu, so dienst du Gott!»

«Lieb' ihn, so liebst du Gott, hilf ihm, so hilft dir Gott!» fügte sie leiser hinzu, aber die Stimme der Mutter rief gebietend: «Primula!» Sie sprang auf, und jene Worte verwandelten sich in ein: «Hilf dir, so hilft dir Gott!» Mit dem Worte war ihr geholfen. Ihr Antlitz erheiterte sich, ihr Geist war frei und jeder Tätigkeit bereit, sie sprang wie ein Hirsch über umgeworfene Stühle und Bänke, um rasch dem Rufe der Mutter zu folgen, und diese hielt die im Haar ihrer Wangen noch schwebenden Tränen für die Folge eines flüchtigen Regenschauers, der in Holland so gewöhnlich, und sagte: «Es ist doch keine Stunde ohne Regen, geh, Primula, recht schnell auf den Boden, da hängt Kamillenblüte und Holunder, wir wollen der armen Frau daraus einen Aufguß kochen.» Primula verrichtete das in Eile und flößte auch dem halbohnmächtigen Hemkengriper eine Tasse dieses Aufgusses nachher ein. Die Besinnung kehrte ihm zurück, das antike Antlitz der Schönen, die neben ihm stand, mochte ihn an einen Vers der Ilias erinnern, wenigstens war sein erstes Wort der griechische Vers:

«Weh mir, ein großes Wunder erblick' ich dort mit den Augen.»

«Das Weib redet irre», sagte die Mutter, und Hemkengriper fuhr fort: «Nimmer ja hoff' ich deiner Hand zu entfliehen, nachdem mich genähert ein Dämon.» - «Er spricht von Damon», meinte die Mutter, «das ist ein Schäfer in Vondels Schäferspielen.» Primula aber meinte, es klinge gerade wie das kauderwelsche Zeug, womit Zahnebreker sie anschreie und worüber die Studenten so entsetzlich lachten. «Daraus siehst du», sagte die Mutter, «daß die Narrheit bei gelehrten und ungelehrten Leuten von einerlei Art», und dann fragte sie die Kranke, die ihr lästig wurde, wo sie zu Hause, der Hausknecht solle sie dahin führen zu besserer Pflege. Aber Hemkengripers List stellte sich kränker an, als er eigentlich war, um nicht fortgeführt zu werden. Er befand sich eigentlich ganz hergestellt, überdachte, was zu tun, wandte sich auf die Mauerseite, daß ihn die Alte nicht erkenne, während er ihr ein paar Gulden reichte, wodurch überflüssig alle Mühe belohnt war, die sie gehabt und noch haben konnte. Die alte Agnes freute sich der reichlichen Gabe, winkte der Tochter, sagte ihr, daß dies nach ihrem Geschenke eine angesehene Frau sein müsse, versprach der Tochter eine Kleinigkeit, wenn sie die Kranke wohl versorge und bewache, kümmerte sich auch wenig um das grämliche Gesicht der Tochter, die ihr reinliches, selbst erworbenes Bette der vom Falle beschmutzten Fremden überlassen und wachen sollte, sondern schärfte ihr im Weggehen die Sorge für die Kranke nochmals ein.

Primula war zu gutmütig, um lange auf die Kranke erzürnt zu sein, bald wehrte sie den Fliegen, daß sie sich nicht auf Hemkengriper setzten, während sie die Silberspangen ihres Kopfschmuckes löste und ihre Haare frisch zusammenflocht. Sie ahndete nicht, in welchen Kampf sie Hemkengriper stürzte mit jeder reizenden Bewegung, die über ihn hingebeugt seine halbgeöffneten Augen zum Sehen zwang. Nur die Rücksicht auf sein Manuskript, das er noch zu besitzen glaubte, hielt ihn davon ab, ihr um den Hals zu fallen, aber das nahm er sich vor, bei der künftigen Herausgabe ihr Bild als Minerva vorstechen zu lassen. Wirklich lebte er in derselben Täuschung, die öfter in Gesellschaftsspielen gegen Unkundige benutzt wird, indem man ihnen einbildet, ein Geldstück durch festes Andrücken auf die Stirn so befestigen zu können, daß sie es mit keiner Bewegung abzuschütteln vermochten. Vergebens zerren sie mit den Gesichtsmuskeln, und doch ist ihnen nur der feste Eindruck geblieben. So fühlte auch Hemkengriper den Druck der Schnallen noch immer, womit die Handschrift befestigt war, nachdem sie längst entfallen, machte aber keine Versuche sie abzuschütteln, sondern machte vielmehr keine Bewegung, um sie ungefährdet zu erhalten, und bekämpfte auf diesem Wege alle böse Teufel, die ihn aus Primulas schönen Augen lockten. Endlich wurden die Fliegen müde, und ihr fiel ein, daß sie in der Unruhe dieses Abends ihren kleinen Blumengarten zu begießen vergessen habe. Schnell griff sie nach ihrer Gießkanne, füllte sie am Brunnen und übergoß die Blumen aus fein gelöcherter Brause wie mit Nachttau, während der Vollmond ihr vorleuchtete und ein Feuerwurm wie ein strahlendes Sternbild sich auf ihr Haupt niedergelassen hatte. Aus einem nahen Bürgerhause klang die heitere Musik eines Abendtanzes, als ob ihr ein Ständchen gebracht würde zum Hochzeitsfeste mit Jan, denn in diesen Gedanken war ihre Sorge um ihn untergegangen.

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