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Abraham a Sancta Clara
Der alte Hafen scheppert
Der Hafen hat viel Ritz und Spalt
Darumb nicht g'fallt / er bricht gar bald
Wer die Welt nennet ein Meer
/ der nennt sie recht; das Meer hat allerley gefa(e)hrliche Klippen /
Wu(e)rbl und Sand-Ba(e)nck / also auch die Welt / darinnen stosset mancher
an eine harte Felsen / sage / an einen harten Kopf an / also / daß sein
Glu(e)ck vo(e)llig zu Scheittern geht: In dem Meer fressen die grosse
Fisch die kleine / so fressen dann auch in der Welt die Menschen untereinander
/ einer ist dem andern nachstellig und aufsa(e)tzig.
Wer die Welt nennet einen Glu(e)cks-Hafen / der nennt sie recht / dann
aus dem Glu(e)cks-Hafen hebt mancher eine goldene Schalen / der andere
eine schlechte Pfeiffen / auff gleichen Form ist die Welt eingericht /
dieser hebt ein wohleintreffendes glu(e)ckseeliges Zetl / die meisten
aber lauter Falso und Nulla, Nulla, Nulla.
Wer die Welt nennet ein Como(e)di oder Schauplatz / der nennt sie recht
/ dann auf diesem Schauplatz agiret bald einer einen Ko(e)nig / bald einen
Bauren / in der Welt wird einer bald erhebt bald unterdruckt / heunt ist
er ein Herr / Morgen wieder leer / bald ein Edler / bald wieder ein Bettler.
Wer die Welt nennet einen Garten / der nennt sie recht / dann wie in einen
Garten Blumen und Unkraut untereinander / so seynd in der Welt Gut und
Bo(e)se vermischt.
Wer die Welt nennet ein Narrn-Ha(e)usl / der nennt sie recht / dann nach
Aussag des weisen Manns kap. I. 16. Stultorum infinitus est numerus, der
Narren ist eine unendliche Zahl.
Wie aber soll ich die Welt nennen? Holla Welt! ich frag dich? Was vor
einen Titl soll ich dir zueignen? Wer bist du? Sags her / hast du es verstanden?
Holla! Olla, das heisst auf Lateinisch ein Hafen oder Topff / so ist dann
die Welt ein irrdischer Topff? Ja / ja / in diesen Topff ist ein wunderliche
Allapatrida / wann dann also so kan ich nicht anderst als denen Weibern
nachfolgen; wann die Weiber auf den Marck gehen / Kuchl-Geschirr und andere
Sachen einzukauffen / so brauchen sie allzeit einen sonderbahren Witz
und Verstand / wann sie da und dort ein scho(e)nes Geschirr sehen / scho(e)n
gru(e)n glassirt / gla(e)ntzend / so seynd sie nicht gleich da / nehmen
und kauffen solches / tragen es nacher Haus / sondern klopffen vorhero
daran / wann es einen Runtz oder abbrechichen Klang hat / da sagen sie:
ihr Narrn / der Hafen scheppert ja / hat aber der Topff einen langen klangsamen
Klang / so heissts alsobald: der ist gut; Indeme dann GOtt gleich anfangs
einen Haffner abgegeben / und ein solches irrdisches Geschirr / nemblich
den Erdboden verfertiget / so glaube ich gewiß / daß von denen Ha(e)nden
des Go(e)ttlichen Haffners dieses Geschirr in aller Vollkommenheit seye
ausgemaht worden / weilen aber der Adam einen harten Apfel hat lassen
durchfallen / so zweiffle ich / ob es noch in voriger Gestalt seye: Welt!
was bist du? sag an / Holla! Olla, bey meiner Treu der Hafen scheppert
/ vorwahr gantz ein kurtzer Klang / modicum, dieses bekennet Benedictus,
und darumb / sagt er / hab ich diesen Hafen nicht geacht / sondern nur
ausgelacht. Daß dieser grosse irrdische Topff scheppert / sagt darzu /
ja: Hieronymus, Bernardus, Franciscus, Onuphrius, Paulus der Eremit, Antonius
und unzahlbare andere / welche alle diesen gebrechlichen Topff verlassen
/ und in die abgelegneste Eino(e)de geflohen.
Es ist einstens ein Spannier mit gantz langsamen und gravita(e)tischen
Schritten u(e)ber ein Eyß gegangen / es ware aber das Eyß an ein oder
andere Ort schon ziemlich zerspalten / dahero er unversehens durch das
Eyß in das Wasser geplumpsst / und ihm fast die Hirn-Schalen zerschnitten
/ wie man ihn mit grosser Mu(e)h endlich aus dem Eyß gezogen / schickte
man augenblicklich umb einen Barbierer / der wendete den mo(e)glichsten
Fleiß an / und suchte ob nicht etwann dem Hirn ein Schaden geschehen /
da er nun lang gesucht / stehet ungefehr ein Narr auf der Seiten / Herrle!
Herrle! sagt er / was suchst so lang? Der Barbierer antwortete: das Hirn
/ ey bey Leib nicht! versetzte der Narr / der Gimpl hat ja kein Hirn /
dann wann er ein Hirn gehabt ha(e)tte / so wurde er vorhero geschaut haben
/ ob das Eyß gantz ist oder nicht; dieses sag ich auch / derselbe hat
kein Hirn der der Welt zu viel traut und auf sie baut.
Mo(e)chte doch gern wissen / warumb unser lieber HErr und Heiland eben
lauter Fischer zu seinen Aposteln und Ju(e)ngern auserkohren / es wurden
ja andere Handwercker sich auch gefunden haben / welche redlich und ehrliche
Leut gewesen / warumben nicht Becken? Es ha(e)tt sich gar wohl geschickt
/ daß die das Brod des Wort GOttes als die rechte Seelen-Speiß ha(e)tten
vorgetragen. Warumben nicht Schlosser? Es ha(e)tt sich gar wohl geschickt
/ daß diese denen unwissenden und in Irrthum lebenden Leuten ha(e)tten
die Thu(e)r des Himmels aufgesperrt. Warumb nicht Zimmerleut? Es ha(e)tt
sich gar wohl geschickt / daß sie mit ihren Hacken dem Menschen ha(e)tten
ein Laiter im Himmel verfertiget. Warum nicht Maurer? Es ha(e)tt sich
gar wohl geschickt / daß sie das sichtbahrliche Jerusalem auf Erden /
nemblich die Ro(e)mische Kirchen ha(e)tten aufgebaut. Warumb nicht Bildhauer?
Es ha(e)tt sich gar wohl geschickt / daß sie das Bildnuß des Menschen
/ so in etwas verderbt / wieder mit ihrer Lehr renovirt ha(e)tten. Warumb
nicht Bauren? Es ha(e)tt sich gar wohl geschickt / daß sie den Weeg und
die Bahn zu den Himmel gemacht ha(e)tten. Warumben endlich nicht Kauffleut?
Es ha(e)tt sich gar wohl geschickt / wann sie die Waar und Wahrheit des
Go(e)ttlichen Worts ha(e)tten ausgelegt. Warumben gleich Fischer? Und
da sie schon Apostel waren / hat er sie gleichwohl noch Fischer genennt
/ Seelen-Fischer / die Menschen aber benahmste er Fisch: Neben andern
Ursachen finde ich darumb / damit die Menschen sich sollen erkennen /
daß sie Fisch seynd / was ist aber ein Fisch? Es ist kein Thier auf der
Welt / welches ein so unbesta(e)ndiges Leben hat / als ein Fisch / wann
derselbe nur ein wenig ausser den Wasser / so erbleicht er schon / der
Ursachen hat Christus lauter Fischer zu seinen Aposteln genommen / und
uns Menschen Fisch genennt / damit wir sollen erkennen / wie unbesta(e)ndig
und wanckelmu(e)thig das Menschliche Leben sey.
Der Ko(e)nig Ezechias (wie ihm GOtt den Tod angeku(e)ndet) wurde gantz
Melancholisch / hat das Gesicht gegen der Wand gewend und bitterlich geweinet
4 Reg. 20. 2. Warumb das Gesicht gegen der Wand? Es seynd viel Herrn und
Edelleut umb ihn herumb gestanden / und also hat er sich vielleicht gescha(e)mt
/ daß er solle vor ihnen weinen wegen des Todts / weilen er von allen
als ein weiser Ko(e)nig geachtet war / mithin ha(e)tten die Lackey gesagt:
Pfui Teuffel! ist das nicht ein Spott / daß er sich also vor den Tod fu(e)rcht
/ er hat ja vor diesen la(e)ngst gewust / daß er sterben muß / daß das
Menschliche Leben unbesta(e)ndig / alles ungewiß / allein der Tod ist
gewiß: Zu einer jedwederen Sach kann ich sagen vielleicht. Wann
ein Weib glu(e)ckseelig entbunden wird und einen Sohn geba(e)hret, so
sagt Christus in dem heiligen Evangelio / erfreuet sie sich / und nicht
allein sie vor sich selbsten, sondern auch andere Weiber / die werden
zum Kindmahl geladen / die Frau G'vatterin / die Oberg'vatterin / die
Unterg'vatterin / die Nachbarn / die Bekannte / die Verwandte / die Frau
Gespielin / die Frau Gespa(e)nin, die Hauß-Frau / wann nun der Tisch mit
wohl ausgezierten, polirten / geschmuckten / geschmackten Pasteyen und
Pastetten geziert / wann die su(e)sse Speisen / die verzuckerte Trachten
/ die schleckerische Possen und Bissen einen Anfang nehmen / beynebens
auch die vergolde Kandl einen Kallop herumtantzen / da fangen sie zu plepern
und zu plapern an / eine sagt: Vielleicht wird dieses Bu(e)berl ein Doctor
werden wie Bartolus und Baldus, die andere / vielleicht wird es ein Mahler
werden / wie Barrhasius, vielleicht wirds ein Soldat und vortrefflicher
General-Feld-Herr werden / wie Alexander / vielleicht wirds einmahl ein
Geistlicher werden / vielleicht wirds ein Burgermeister werden? Vielleicht
wirds mein To(e)chterl heurathen? Vielleicht wirds etc. etc.? Vielleicht
wirds lernen was der Vatter? Vielleicht? Zu allen Sachen vielleicht /
aber dieses kan keine sagen: Vielleicht wirds sterben / dann das Sterben
lasst kein Vielleicht zu / sondern ist gewiß / omnes morimur &
quasi aquae dilabimur in terram, wir sterben alle und verfallen uns
in die Erden wie das Wasser. Zum Sterben allein ist ein Gewißheit
/ gewiß und wann sterben ungewiß / wo sterben und wie sterben ungewiß
/ dahero traue dem Menschlichen Leben nicht / welches allein besta(e)ndig
in der Unbesta(e)ndigkeit ist.
Pius der Dritte Ro(e)mische Pabst hat gemeint er wolte lang leben in dem
Pabstum / hat jedoch keinen Bestand gehabt / hat nur 26. Tag gelebt. Damasus
der Andere hat gemeint er wolte lang leben als Vicarius Christi, hat keinen
Bestand gehabt / hat nur 23. Tag gelebt in Pabstum. Caelestinus der Vierdte
Ro(e)mische Pabst hat gehofft eine Weil zu leben auf den Ro(e)mischen
Stuhl / hat aber erfahren die Unbesta(e)ndigkeit / indem er nur 17. Tag
gelebt. Stephanus der Andere Ro(e)mische Pabst / der hat verhofft ein
ziembliche Zeit zu leben / hat aber gesehen das Widerspiel / da er nur
4. Tag gelebt / und dieses gleichfalls zu verstehen von Kaysern / Ko(e)nigen
und Monarchen / welche es selbsten erfahren / daß u(e)ber ein kleines
leben und u(e)ber ein kleines nicht mehr leben / eine gantz benachbahrte
Freundschafft; hat sich dannenhero niemand zu verlassen auf seine Gesundheit
/ gesunden Leib / leibliche Sta(e)rcke / starcke Glieder / gleich wie
GOtt durch einen eintzigen Blaser den ersten Menschen die Seel und das
Leben gegeben / als kan das Leben wieder durch einen eintzigen Blaser
genommen werden.
Ich klopffe auf ein andere Seiten / da scheppert der Hafen wieder / wie
da? Die Freundschafft hat einen Bruch. Unser lieber HErr und Heyland /
nachdem er 40. gantzer Tag hart gefastet / so kommt der Teuffel zu ihm
/ und bringt ihm einen Stein / den soll er zu Brod machen / ey du plumper
Teuffel! wann du Christum wilst versuchen / so musst du ihm etwas Gutes
geben / und nicht einen Stein: Zum andern ist diß zu verwundern / indeme
der bo(e)se Feind kurtz vorhero gesehen / daß unser HErr sich dermassen
gedemu(e)tiget / und sich wie ein Su(e)nder von Joanne Baptista in dem
Jordan hat tauffen lassen / und zwar vor allem Volck / diese Demuth wuste
der Sathan allzuwohl / und versuchte ihn gleichwohlen zu dreymahlen /
warumben? Darum sagt der Heilige Leo Serm. 4. de pass. es hat zwar der
bo(e)se Feind gesehen die Heiligkeit und Demut Christi in dem Tauff /
hat ihn aber dennoch versucht / weilen er vermeint / er seye ein purer
Mensch / und der Ursachen auch vera(e)nderlich / so ist dann der Mensch
vera(e)nderlich? Ja freylich / zufo(e)rdrist in der Freundschafft / heunt
Freund / Morgen Feind / heunt thut er der Fu(e)ß zucken und bucken / Morgen
wu(e)nscht er den Teuffel auf den Rucken / heunt heisst es: der Herr ist
Patron / morgen schaut er dich nicht mehr an / bald ku(e)sst er dich und
will dich fressen vor Lieb kehr umb ein Hand / heisst er dich einen Schelm
und Dieb / alle Freundschafft der Welt ist unbesta(e)ndig / fordrist die
an besten gla(e)ntzet / dann sie ist gleich einen Fu(e)rniß / der o(e)ffters
einen faulen Holtz einen Glantz anstreichet / welches doch inwendig voller
Wu(e)rm ist.
Maria Stuarta ware eine Ko(e)nigin in Schottland / diese wurde / dem Schein
nach von der Ko(e)nigin Engeland Nahmens Elisabeth dergestallten geliebet
/ daß sie ihr einen kostbahren Diamant pra(e)sentirt / welcher in der
Mitte den Form eines geschnittenen Hertz hatte / diesen gabe sie der Ko(e)nigin
Stuartae zu einem gewissen Unterpfand der unzertrennlichen Liebe und Freundschafft;
aber O Unbesta(e)ndigkeit der Menschlichen Treu! bald hat diese lasterhaffte
falsche Elisabeth das Parolla gebrochen / und gezeiget / daß das Parolla
Parollae sey indem sie Mariam Stuartam als eine Ko(e)nigin in das Gefa(e)ngniß
werffen / und endlich auf einer offentlichen Schaubu(e)hne mit dem Beil
von dem Leben zum Tod hat hinrichten lassen.
Des Jobs Weib hat ihren Herrn so lieb gehabt / daß sie ihn nicht anderst
genennt als ihr Herz und ihren Schatz / alle ihre Gedancken waren von
dem Job / all ihr Schmeichln und Heuchln ware umb den Job / all ihr Vergnu(e)gen
war bey den Job / wann er nur etliche wenige Stund von ihr ausbliebe /
da weinte sie schon umb ihren Mann / was sie ihm nur in denen Augen ansahe
/ dieses alles hat sie gethan aus Lieb zu ihren Mann / O wohl ein recht
goldenes Weib! ein liebes Weib! ein holdseeliges Weib! ein ho(e)ffliches
Weib! ein Weib u(e)ber alle Weiber! jedoch nur ein wenig Gedult / diese
Liebe wird bald hincken und stincken; so bald der Job durch Zulassung
GOttes aussa(e)tzig wurde / da sicht und sucht ihn das Weib auf dem Misthauffen
/ weilen er auch voller Geschwu(e)hr / Eyter und Beilen ware / schnaltzt
sie ihn in da Gesicht / und spricht: Benedic Deo & morere, gesegne
deinen GOtt und sterbe / glaubs gar gern / das Weib hat es darumben
gethan und gewu(e)nscht / damit sie bald wieder einen andern Mann bekomme
/ auf solche Weiß machen es die Weiber / sie ko(e)nnen ihre Ma(e)nner
schertzen und hertzen / flattirn umd caressirn / aber / aber / aber sie
tragen den Fuchs-Balg im Busen herumb und mo(e)cht manche Sopherl ihren
Stopherl lieber in dem Grab als lebend bey Gut und Haab sehen.
Einen wunderseltsamen Traum hat gehabt der Ko(e)nig Nabuchodonosor / dem
hat getraumt als sehe er einen großma(e)chtigen Baum / der mit dem Gipffel
bald den halben Teil des Himmels erreichte / auf welchen die alleredliste
Fru(e)chten waren / und die Vo(e)gl des Luffts sassen und frassen auf
diesen Baum / darauf traumete ihm / als seye eine Stimm vom Himmel gekommen
/ die da sagte: Daß man den Baum umbhaue / alsobalden seynd alle Vo(e)gel
fortgeflohen / und haben den Baum verlassen; dieser Baum hat bedeut jenen
Monarchen / der in dem Pracht und Macht hochgestiegen / wie er aber von
GOtt abtru(e)nnig worden / und gefallen / da seynd alle seine Hof-Herrn
abgeflohen und haben den Reißaus genommen / solchen Baum seynd gleich
alle Reiche und glu(e)ckseelige Leuth / so lang sie genug zu tractirn
/ so lang seyn die Schmarotzer umb sie / geben sich vor die gro(e)ste
und beste Freund aus / so bald aber die Taffel abnimmt / die Beutel leer
werden / und der Stammen-Baum sambt dem Gut und Muth zerfallet / da fliegen
auch die Vo(e)gel / die Ertz-Vo(e)gel / die Speiß-Vo(e)gel / die Spatt-Vo(e)gel
/ die Spott-Vo(e)gel hinweg / da sihet man alsobald die unbesta(e)ndige
Freundschafft deren Menschen; dieses hat einstens einer probirt / ob er
sein ausbu(e)ndiger Freund seye? Der ihm alles versprochen / daß er mit
ihme treu besta(e)ndig leben und sterben wolle / und zwar in einer unzerbrechlichen
Freundschafft / der erste Freund gedachte davon ein Prob zu machen / thut
eines / sticht ein Kalb ab / stecket dasselbe in einen Sack / daß der
Sack gantz blutig und sehr durchgeschlagen / tragt diesen Sack bey na(e)chtlicher
weil in das Haus seines Freundes / Ach! sagt er / allerliebster Herr Bruder!
ich bin in das gro(e)ste Unglu(e)ck geraten / ich habe aus ga(e)hen Zorn
meinen Bruder umbgebracht / es weiß solches kein eintziger Mensch / damit
man aber nicht etwann in meinen Haus suchen mo(e)chte / so bitte ich den
Herrn Bruder zum scho(e)nsten / er mo(e)chte diesen Sack vergraben etc.
etc. Potz tausend! ey kein Gedancken / sagt der andere / da wurd mich
der Teixl reitten / ich mo(e)chte einbiessen und ko(e)nte umb Haus und
Hof kommen / bewahr mich GOtt! darauf hebt der / so den Sack getragen
/ so viel er geko(e)nnt / den Sack auf / und schlagt den andern darmit
nieder / sprechend: Ey du Schelm! so bist du nur ein Freund in der Freud
und nicht in dem Leid?
O unbesta(e)ndige Freundschafft zwischen Amnon und seiner Schwester! O
unbesta(e)ndige Freundschafft zwischen David und den Saul! O unbesta(e)ndige
Freundschafft zwischen Joseph und seinen Bru(e)dern! also ist die Freundschaft
in der Welt unbesta(e)ndig / wanckelmu(e)thig / falsch / erlogen und betrogen.
Anjetzo klopffe ich an einen andern Ort an / und schaue wie die Welt ist
in denen Ehren / ein jeder ist und geht gern hoch / der Heilige Evangelist
Marcus erzehlet / wie daß die Ju(e)nger und Apostel Christi einsmahls
unter ihnen einen Zanck angefangen / quisnam eorum videretur esse major,
wer unter ihnen der gro(e)ste / der erste / oder gar der Papst seye? Gedenck
einer / Heilige Leuth und Apostel / die stets GOtt bei ihnen und mit ihnen
hatten / schlechte einfa(e)ltige Fischer waren / haben doch untereinander
gezanckt / wer der Vornehmst unter ihnen / welches ihren HErrn und Meister
verschmacht. Jetzo ist nicht zu verwundern / daß Iulius Caesar von solcher
Ehrsucht gewesen daß er einmahl in einen Marckfleck gesagt: Malo hic esse
Primus, quam Romae Secundus, ich da lieber seyn der Erste als zu Rom der
Anderte. Mich wundert auch nicht / daß Hermenefridi eines Denemarckischen
Ko(e)nigs Ehegemahlin ihren eigenen Herrn dem Ko(e)nig diesen Possen gethan
/ indem sie einmahl / wie beede zu Taffel gegangen / den Tisch nur halben
Theil bedecken lassen / der Ko(e)nig fragte: Warumb? Darumb antwortete
sie / den andern halben Theil soll er gleichwohl bedecken mit des Ko(e)nigs
in Franckreich seinen Gu(e)thern / als dem er das halbe Reich von Denemarck
so spo(e)ttlich abgetretten hat / und hat so lang den Ko(e)nig angetrieben
/ biß daß Hermenefridus das gantze Reich zuerobern / dem Ko(e)nig in Franckreich
einen Krieg angeku(e)ndet / ob es ihm zwar nicht gelungen; also trachtet
man allenthalben nach Ehren / dessentwegen nicht umsonst Homo der erste
Buchstaben H. eine Aspiration ist / weilen ein jeder aspirirt.
Wie ist aber die Ehr und Hochheit! Modicum unbesta(e)ndig; der grosse
Alexander / dieser Macedonische Ko(e)nig / dieser Welt-Monarch / diese
gebohrne Majesta(e)t und Groß-Gott auf Erden / ist so weit gekommen /
daß ihm auch die Welt zu eng war / und wo er seine Waffen nur hingebracht
/ dort hat er Victori und Sieg erhalten / jedoch wie lang hat es gedauret?
Modicum u(e)ber ein kleine Zeit / ihm wurde in denen beliebtisten und
belobtisten Jahren mit Gifft vergeben / ist 30. gantzer Tag unbegraben
gelegen / biß er endlich eine 4. Schuch lange Gruben erhalten / den vorhero
der gantze Erdboden nicht groß genug gewesen. Valerianus der Kayser ist
mit solchen Begierden und Jubl des Volcks auf den Ro(e)mischen Thron erhebt
worden / daß er reich ware an Scha(e)tzen und Pla(e)tzen / Pracht und
Macht / Streit und Bescheidenheit / jedoch Modicum, wie lang? Er ward
in einer Schlacht von Sapore dem Persianischen Ko(e)nig gefangen / und
ist in eine solche elende Dienstbahrkeit gerathen / daß er allzeit dem
Sapori wann er zu Pferd gesessen / seinen Rucken statt eines Schamels
darreichen muste. Belisarius ein Groß-Fu(e)rst Iustiniani, ein Herr deren
Gothen / ein Herr deren Wenden / ein Herr der Posianer, ein Schrecken
der Wa(e)lschen / ein Forcht des gantzen Erdboden / hingegen wie lang?
Modicum u(e)ber eine kleine Zeit seynd ihm die Augen ausgestochen worden.
Wer ist Craesus gewest? Ein Ko(e)nig mit Gold und Geld so u(e)berha(e)ufft
/ daß bey ihm das Gold wie das Eysen geacht war / ist endlich mit harten
eysernen Ketten gefangen und gebunden worden / daß er darinnen mu(e)hseelig
sein Leben geendet. Wer ist gewesen Dionysius in seiner Regierung? Ebenfalls
ein Kayser / Modicum u(e)ber ein kleines ist er so arm worden / daß er
zu Corintho muste einen armen Schulmeister abgeben / und die Ferl statt
eines Scepters brauchen. Wer ist Henricus Quartus gewest? Mehrmahlen ein
Kayser / ein reicher und vortrefflicher Monarch / Modicum, u(e)ber ein
kleines / wurde er seiner Wu(e)rde entsetzt / muste die Kost bettln von
dem Bischoff zu Speyer / und als er lang in den Koht herumb paschete /
starb er zu letzt ohne Schuch wie ein elender Bettler. O Modicum! Dahero
sagt gar wohl der Heilige Gregorius: profecto multa gloria in alto cernitur,
sed nulla stabilitate solidatur, dieser jetzigen Welt alle ihre Glori
ist zwar in einer grossen Hochheit / aber nicht besta(e)ndig / dessentwegen
Theodosius der Dritte seinen Kayserlichen Purpur hinweg gelegt / die Kron
abgenommen / und eine Mo(e)nchs-Kappen aufgesetzt / dessentwegen Lotharius
der Kayser all sein Haab und Gut denen Kirchen verlassen / und freywillig
den Ordens-Habit des Heiligen Benedicti angezogen. Dessentwegen Winochus
ein Hertzog alle seine Wu(e)rden verachtet / freywillig in ein Closter
getretten / wo er von seiner Obrigkeit die Sa(e)u zu hu(e)tten verschaffet
worden. Dieses haben alle gethan / weilen sie gesehen die Unbesta(e)ndigkeit
der Menschen Ehr.
Klopff ich auf eine Seiten dieses runden Geschirr der Welt / auf welche
ich immer will / so finde ich halt / daß es allenthalben scheppert / und
klappert / nicht besta(e)ndig in Klingen und Klangen / darumb ist es Wunder
u(e)ber Wunder / daß man gleichwohl dieses unbesta(e)ndige Wesen also
liebet / nach demselbigen also trachtet / als wanne es unzerbrechlich
und ewig bestehen wurde.
Dieser Ursachen hat nicht unbillig Christus der HErr seinen Aposteln und
Ju(e)ngern 40. Tag nach seiner Heiligen Urstand immer und immer von dem
Reich GOttes geprediget / loquens de Regno Dei. Viertzig gantzer Tag?
Warumb so lang von einer eintzigen Materi? Wann ein Prediger solte alleweil
von einer Materi ein halbes Jahr reden / wie wurden die Leuth nicht Ko(e)pff
zusamm stossen / schauts wurden einige sagen: Der Pfaff kan nichts anders
als die alte Leyrn / die Becher seynd ihm halt lieber als die Bu(e)cher:
und gleichwohlen hat Christus gantzer 40. Tag von einer Sach gelehret
und geprediget / dieses tha(e)tte er aber darumben / damit er dardurch
die Gemu(e)ter der Apostel von denen Weltlichen Sachen mo(e)chte abziehen
/ und sie zu denen ewigen unzerga(e)nglichen Gu(e)tern leiten / dahero
hat auch GOtt anfa(e)nglich dem Menschen das Hertz erschaffen auf ein
so wunderbahrliche Manier / daß es nemblich oberhalb gantz breit und untenher
ganz gespitzt / zu zeigen / daß es von der Erden wenig gedencken soll
/ aber wohl das meiste von Ewigen / GOtt hat auch den Menschen erschaffen
aufrecht mit denen Augen gegen den Himmel / nicht wie die Thier zur Erden
geneigt / hiervon schreibt der Poet Ovidius:
Pronaque cum spectent animalia caetera
terram
Os homini sublime dedit, caelumque tueri
Iussit, et erectos ad sydera tollere vultus.
Das unvernünfftig Vieh thut nur
die Erd beschauen /
Jedoch des Menschen Aug ist in die Ho(e)ch gericht /
Damit es sta(e)ts betracht die scho(e)ne Himmels-Auen /
Und alle seine Werck nach GOttes Willen schlicht.
Was ist die Welt? Modicum ein Linsen-Muß
des Esau / was ist der Himmel? Ein ewiges Abendmahl. Was ist die Welt?
Modicum, eine trieffaugende Lia / was ist der Himmel? Eine Englisch glantzende
Rachel. Was ist die Welt? Modicum, voller Egyptischen Zweiffel / was ist
der Himmel? Ein Land / welches ewig von Milch und Ho(e)nig fliesset. Was
ist die Welt? Modicum, ein Kirbis-Blatt Jona(e) / was ist der Himmel?
Ein ewig gru(e)nnender Baum des Lebens. Was ist die Welt? Eine alte ausgedorrte
Cystern / in welche Joseph geworffen / was ist der Himmel? Ein ewig fliessender
Quelle der lebendigen Wa(e)sser. Was ist die Welt? Modicum, ein Esels
Ku(e)hnbacken des Samsons / was ist der Himmel? Ein Mund-Becher des Josephs.
Was ist die Welt? Modicum, eine schlechte Magd Agar / was ist der Himmel?
Eine ewige Braut des HErrn. Was ist die Welt? Modicum, eine Schoß einer
betru(e)grischen Dalila(e) / was ist der Himmel? Eine ewige Schoß des
Abrahams.
Derohalben Sursum corda! hinauf mit denen Herzen / hinweg von dem Zerga(e)nglichen
/ hinauf zu dem Ewigen: Jacob hat 7 Jahr gedient umb die scho(e)ne Rachel
/ hat sie doch gleichwohlen nicht u(e)berkommen / sonders es ward ihm
die ha(e)ßliche / wilde / garstige Lia beigelegt / dannenhero muste er
noch 7 Jahr umb die Rachel dienen / so lang dienen wegen eines Weib in
der Welt? Pfui! du unbesta(e)ndige / abwendige / mißversta(e)ndige Welt!
wir wollen tausendmahl lieber dienen umb den Himmel / diese scho(e)ne
Rachel gebe uns O grosser GOtt hierzu deine Gnad / verleihe uns Glu(e)ck
und Sta(e)rcke / erteile uns den Willen / und erhalte den Willen / verschaffe
uns die Begierd und entzinde die Begiert / daß wir verlassen / verachten
/ verwerffen das Modicum das kleine / und nichts anders suchen dann das
Ewige / endlichen auch erwerben und erben das Ewige. Amen.
Erläuterung:
Hafen: Irdener Topf'.
Allapatrida: span. ollapotrida, 'Mischmasch, Durcheinander'.
Runtz: eine schadhafte Stelle, durch die Wasser 'rinnt'
modicum: bescheiden, mittelmäßig'.
Trachten : Traktament = das angebotene Mahl.
Parolla: Versprechen.
Parolla Parollae: Wortspiel (Versprechen - Worte)
caressirn: streicheln
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