|
|
|
Geschichte
Studium in Mönchsorden
(bei den Predigerbrüdern)
Das Schul- und Ausbildungswesen des Mittelalters ist nach wie vor Gegenstand
der Forschung. Vermittelt wurde Wissen zunächst durch die Dom-, Stifts-
und Klosterschulen, während die Lateinschulen erst durch das Aufkommen
der Städte zu einer eigenständigen Rolle fanden, aus denen dann
später z. T. die Gymnasien hervorgingen. Parallel dazu entstanden
im 13. Jh. die Ordensschulen der Bettelorden (allen voran die der Dominikaner)
und die Universitäten.
Schule
Ein wesentliches Kennzeichen der mittelalterlichen, ritterlichen wie schulischen,
Erziehung war der sog. "Dreischritt des Bildungsganges":
1. - 7. Lebensjahr: elementaria, häuslicher Unterricht
im Gebet und den Anfangsgründen des christlichen Glaubens; Lesen
und Schreiben.
8. - 14. Lebensjahr: septem artes liberales, bestehend aus
Grammatik, Rhetorik, Dialektik ( artes sermocinales oder Trivium)
und Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik ( artes reales bzw.
Quadrivium). Die schmerzhafte Ausbildung in lateinischer Grammatik
wurde anhand des Lehrbuches des Donatus erteilt, der immer mit einer Rute
abgebildet erscheint. Für die Rhetorik war u.a. Cicero zuständig,
für die Dialektik (oder Logik) Aristoteles. Für die nächsten
vier "Schulen" wurden Pythagoras , Euklid , Ptolemäus
und Boëthius herangezogen. Damit war die "Grundausbildung" abgeschlossen
und der Knabe wurde mit dem vollendeten 14. Lebensjahr als "volljährig"
angesehen.
Dies stellt natürlich einen idealtypischen Verlauf dar, da nur die
wenigsten Schulen in der Lage waren, mehr als grundlegende Lateinkenntnisse
zu vermitteln. Zum einen war das Alter der Schüler längst nicht
so klar abgegrenzt, wie es hier - in der Theorie - erscheint, und zum
anderen konnte jede Schule froh sein, wenn sie über einen ausgebildeten
Magister verfügte, der seinen Grad an einer Universität
erworben hatte, was eher die Ausnahme als die Regel darstellte. Auch ging
die Ausbildung selten über das Trivium hinaus: Selbst an den
Universitäten wurde es bis in die 1230er Jahre intensiver studiert
als das Quadrivium, was in Paris auch später die Regel blieb.
15. - 21. Lebensjahr: Fachausbildung (Philosophie, Theologie, Recht,
Medizin). Dabei ist die philosophische oder facultas artium mit
67% die mit Abstand am häufigsten frequentierte (Kölner Matrikel
Mitte 15. Jh.), gefolgt von der juristischen (16%), der theologischen
(4,5%) und der medizinischen (0,6%). Ihre Aufgabe ist es, den Kursus der
Lateinschule, der auf die Sprache geht, durch einen allgemein-wissenschaftlichen
Kursus zu ergänzen. Sie gibt Schulunterricht in schulmäßiger
Form. Zu bemerken ist übrigens, daß eine feste Abgrenzung des
Universitätsunterrichts gegen den der Lateinschule überhaupt
nicht stattfindet.
Da es keine Schulgesetze gab, blieb es mehr oder weniger dem Einzelnen
freigestellt, wie seine Bildung aussehen sollte bzw. wann er zur Schule
kam und wie lange er dort verblieb, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen
ist, daß die Schüler ihre Lehrer selbst bezahlten wie es z.
B. in der Erfurter Schulordnung von 1282 festgestellt worden war. Es gibt
genügend Beispiele von Leuten, die noch mit 18 oder sogar 21 die
Schulbank drückten oder aber auch nach 3-jährigem Unterricht
sich reif für die Hochschule wähnten. Diese Beispiele gelten
bevorzugt ab dem 14./15. Jahrhundert. Die Klassen waren recht durchmischt,
wobei längst nicht überall Unterricht erteilt wurde und viele
Schüler von Schule zu Schule wanderten, wo sie sich mal kürzer,
mal länger aufhielten. Auch die Hochschulen sahen sich gezwungen,
Unterricht in Grammatik zu erteilen, da keine untere Altersgrenze für
die Immatrikulation bestimmt war, weshalb es zahlreiche Beispiele gibt,
daß Knaben mit 13 und noch weniger Jahren die Hochschule bezogen.
Dominikaner
Nach verschiedenen Ausführungen lag das Hauptaugenmerk des Ordens
- wie schon sein Name besagt - auf der Predigt. Entscheidend war das theologische
Studium, denn schließlich ging es Dominikus darum, die abirrenden
Seelen wieder zurückzuholen und nicht, philosophische Studien zu
treiben, weshalb jede derartige Beschäftigung in den Anfangsjahren
verpönt war. Das Studium der Artes liberales war verboten,
was sich erst ab der Mitte des 13. Jahrhunderts zu ändern begann.
In den ersten Jahrzehnten lag auch kein eigentliches Bedürfnis nach
Errichtung dieser Studien vor, da die Eintretenden der älteren Generation
schon eine abgeschlossene Bildung in den Artes mitbrachten. 1259
wird die Errichtung solcher Studien gestattet, wo es notwendig erscheint;
aber schon zwischen den Jahren 1241 und 1257 müssen hier und da lectores
artium aufgestellt worden sein. 1261 wurde dann die Einrichtung min.
zweier dieser Studien in der Provinz Teutonia auf dem Generalkapitel angeordnet.
Und auch nachdem sie in den Studiengang des Ordens aufgenommen worden
waren, warnte man vor einem von den Theologie als der Hauptsache abziehenden
Übermaß.
Die Brüder sollten sich mit dem Studium, dem Gebet und der Predigt
beschäftigen und nicht mit den Hausarbeiten im Kloster. Dafür
waren die Laienbrüder, die " fratres illiterati" zuständig.
Unter den 7 (von 16) "Genossen des Hl. Dominicus", die er 1217 an den
frisch gegründeten Studienconvent St. Jacob in Paris schickte, befand
sich ein Laienbruder (der somit die Arbeit von sieben erledigen durfte).
Dominikus brauchte ausgebildete Leute, die er aussenden konnte wider die
Häresien zu predigen. Die Brüder sollten von Almosen leben.
Für die weltlichen Tätigkeiten im Kloster waren die Laien zuständig.
Dominikus selbst schlug 1220 auf dem Generalkapitel zu Bologna sogar vor,
die Verwaltung der einzelnen Konvente den Laienbrüdern zu überlassen,
damit die Mönche in nichts von ihrer geistlichen Tätigkeit abgelenkt
würden. Allerdings konnte er sich damit nicht durchsetzen.
Ob der Orden seine Laien ausbildete, ist umstritten. Zumindest für
die bayerischen Dominikanerkonvente aber läßt sich eine grundsätzliche
und durchgehend praktizierte Öffnung der Hausstudien für Laien
oder Weltkleriker vor 1500 nirgends nachweisen. Das hätte auch der
Zielsetzung des Ordens widersprochen, dem es doch darum ging, den Brüdern,
die bereits eine Grundbildung mitbrachten, weitere und zusätzliche
Schulungen zukommen zu lassen, damit sie vor allem als Prediger tätig
werden konnten.
Die Novizen mußten die in einer lateinischen Schule erlernbaren
Kenntnisse der Grammatik bei der Aufnahme schon besitzen, wovon allerdings
im Interesse des Ordens Ausnahmen gemacht wurden.
Der Provinzial tadelt einem Prior gegenüber die Aufnahme von mangelhaft
Unterrichteten.
Auf der anderen Seite stellte besonders der Orden der Predigerbrüder
etwas Besonderes dar. Neu war, daß hier ein Orden eine explizite
Schulung betreiben wollte. Und neu war, das er sich in den Städten
ansiedelte. Zwar hatten auch die Zisterzienser ein Bein in der Stadt,
aber sie waren noch vornehmlich auf das Land orientiert. In der Expansionsbewegung
der Niederlassungen aller Bettelorden in den Städten klopften auch
viele Leute aus verschiedenen Ständen an die Tür, die nicht
die erforderlichen Vorkenntnisse besaßen. Dann lag die Aufnahme
im Ermessen des jeweiligen Priors.
Auf jeden Fall kamen die Dominikaner nicht drum herum, eigene Kurse
anbieten zu müssen: Die Konstitutionen trugen den Prioren auf,
keinem das Ordensgewand zu geben, der sich noch nicht über die
für ein gedeihliches Studium notwendigen Vorkenntnisse ausweisen
konnte und schärften diesen Punkt immer wieder ein. Sollte einmal
der - äußerst unwahrscheinliche - Fall eintreten, das Jemand
nicht die erforderliche Qualifikation mitbringe, dann, war ja auch die
Möglichkeit vorgesehen, daß sich die Kandidaten die für
die weiteren Studien nötigen Vorkenntnisse im Anschluß an
das Noviziat aneignen konnten.
Novize
Das Mindestalter für das "an-die-Tür-klopfen" lag seit 1265
bei 14 Jahren. Zumindest bei den Dominikanern. Falls sich die Tür
öffnete, betrat man das Kloster als Novize. Man hatte jetzt ein Jahr
Zeit, die neuen Verhältnisse kennen zu lernen. Während der Probezeit
hatten die Novizen den Psalter und die Verrichtungen beim Gottesdienst
zu erlernen. War man nach Abschluß dieses Jahres der Meinung, hier
seine Heimat gefunden zu haben, legte man den Profeß ab und war
ab sofort frater. Bis man dann zum Studium zugelassen wurde, mußten
mindestens zwei weitere Jahre vergehen.
Zu dem Pensum der Dinge, die noch vor dem eigentlichen Studienbeginn erlernt
werden mußten, gehörten wohl selbstverständlich neben
der Einübung in die lateinische Sprache sowohl die Vertrautheit mit
der Hl. Schrift, mit dem kirchlichen Offizium, mit dem liturgischen Gesang,
als auch die Einweisung in die Regel und Ordenssatzungen sowie in die
kirchliche Literatur überhaupt. Auch darauf verweisen die Kapitelsakten
immer wieder. Es galt also: Zum Studium wurden sie erst drei Jahre nach
ihrem Eintritt zugelassen.
Studium
Der Gesamtkursus gliederte sich in drei Stufen,: die beiden unteren, die
studia artium oder logicae und die studia naturalium,
bildeten, zusammen einen sechsjährigen Unterkursus, über den
sich als Oberstufe die studia solemnia oder generalia erhoben.
Ein strenges System der Auslese bestimmte nicht nur die Aufnahme der Schüler
in den Unterkurs, sondern auch das Aufrücken in die höheren
Abteilungen, besonders in die oberste, aus der die Lehrer und Schriftsteller
des Ordens hervorgingen. Daher war die Zahl der Klöster, welche Oberkurse
hatten, verhältnismäßig klein. Schon der mittlere Kursus
der studia naturalium war zeitweise nur in einem von je zehn Klöstern
vertreten; und zwar wechselten die Klöster einander jährlich
ab. Dieser Wechsel diente einerseits der Verteilung der Lasten, anderseits
aber auch der Kräftigung des wissenschaftlichen Lebens, das auf solche
Weise überall gleichmäßig angeregt und belebt wurde.
Studium artium
Erhielt einer die Erlaubnis zu studieren, so brachte er mindestens 2,
später 3 Jahre in einem studium artium zu, das für
eine Anzahl von Konventen einer Provinz gemeinsam war und unter ihnen
in der Regel in einem festen Turnus nach Bestimmung des Provinzialkapitels
seinen Sitz wechselte. Doch wird vermutet, daß nicht alle Ordensglieder
diesen Weg machten, sondern nur eine Elite, während die anderen
in den einzelnen Conventen unterrichtet wurden. Die Akten der Provinzialkapitel
der Teutonia existieren bis auf ein Bruchstück aus dem Jahre 1284
nicht mehr, so daß nicht mehr nachvollziehbar ist, in welchen
Konventen jeweils die Studia eingerichtet waren:
Man hat sich diese - wie auch die folgenden Studienarten - nicht als
feste, an ein bestimmtes Kloster gebundene Lehranstalten vorzustellen.
Alle diese Studia waren Personenverbände, für die Jahr für
Jahr Lektor und Studenten, aber auch der jeweilige Konvent festgesetzt
wurden. Das ist verständlich, da es kaum einen Konvent gegeben
haben dürfte, der von seinen beschränkten Mitteln her in der
Lage gewesen wäre, die Studia als eine feste Einrichtung zu ermöglichen.
Eine Ausnahme stellt dabei das Kloster in Köln dar, das ab 1248
als einziger deutscher Dominikanerkonvent über ein studium generale
verfügte. Ob man auch Erfurt einen ähnlichen Status zugestehen
darf, bleibt fraglich. Allerdings stellte Erfurt bereits im 13. Jh.
ein Bildungszentrum nicht allein von lokaler, sondern regional übergreifendem
Einfluß dar. Neben den Ordensschulen der Dominikaner und Franziskaner
werden die Schulen von St. Marien, St. Severi, dem Augustiner-Chorherrenstift,
der Benediktinerabtei St. Petri und dem Schottenkloster genannt.
Eines steht noch aus: Es gibt dort wohl tausend Studenten. Von diesen
sind etliche Betrüger und moralisch verkommen, die nur Würfel
spielen, Betrug und List studieren und nichts lernen wollen, sondern
nur den Namen von Studenten haben. Diese verführen die anderen
und verleiten sie zum Bösen, und im Laufe der Zeit werden die Diebe
immer zahlreicher.
Andere könnten gute Fortschritte machen, wenn sie nur ihre Trägheit
überwinden wollten; aber weil sie weder Arbeit noch Mühe ertragen
können, sind sie bisweilen dumm wie ein Ochse. Diese Studenten
sind wie Katzen, die zwar Fisch fressen möchten, ihn aber nicht
selbst fangen wollen. Was wird so einer machen, wenn ihm vielleicht
die Priesterwürde verweigert wird? Ein langes Gesicht! Er soll
lernen, die Glocken zu läuten oder den heiligen Altardienst zu
versehen; Glöckner soll sein, wer nicht Gelehrter werden wollte!
Etliche Studenten sind munter dabei, alles zu lesen. Was ihnen gesagt
wird, wird mit aufmerksamem Ohr aufgenommen und nicht gleich wieder
vergessen, sondern im Herzen, das nichts vergißt, zermahlen. Sie
ernähren ihren ausgemergelten Körper mit trockenem Brot, stehen
früh auf und vergeuden keine Zeit. Sie trinken nur Quellwasser,
schreiben sprachphilosophische Abhandlungen und dürsten täglich
nach dem Quell der Weisheit; Tag und Nacht gleichermaßen hören
sie nicht auf zu arbeiten. Ihre Lehrer hätte ich eigentlich an
erster Stelle behandeln müssen, da sie ja ranghöher sind.
Aber in dieser Sache stehen die Studenten ihnen in nichts nach, und
so halte ich es nicht unbedingt für nötig, die Reihenfolge
einzuhalten. Sie werden so vorzüglich ausgebildet, daß sie
als Prälaten an Kathedralkirchen eingesetzt und mit der Bischofswürde
ausgezeichnet werden, einige werden Pröpste und leben mit sanftmütigem
Herzen, einige werden Priester, einige vielleicht Dekane, einige Kanoniker,
einige Freunde der Tugend, einige Rompilger, einige vielleicht auch
Dichter, einige sind Schreiber großer Herren, und einige erlangen
als Lektoren große Ehren.
Studium naturalium
Dieses wurde seit den 60iger Jahren des 13. Jhs. üblich. Diejenigen
Studenten, welche geistig und körperlich geeignet erschienen, wurden
nun für weitere 2 oder 3 Jahre in ein derartiges Studium gesandt.
Auch dieses war für bestimmte Gruppen von Konventen gemeinsam und
wechselte den Sitz. Die Organisation war in ihr ganz ähnlich wie
bei dem studium artium. Hatte in letzterem die Logik das Hauptstudium
gebildet, so wurde nun in ersterem die Naturphilosophie und vor allem
die Ethik gelehrt.
Auch hier stand Aristoteles mit seiner Physik auf dem Lehrplan. Euklid
und Johannes de Sacro Bosco wurden für die Mathematik (Geometrie,
Perspektive und Astronomie) herangezogen und schließlich galt
es, die aristotelische Metaphysik, die nikomachische Ethik und zahlreiche
Kommentare von Albertus Magnus und Thomas von Aquin durchzuarbeiten.
Ein erfolgreicher Abschluß war Voraussetzung für den Oberkursus,
dem Studium der Theologie.
Wer auch diesen Kurs durchlaufen hatte, kehrte entweder zu den theologischen
Studien in seinen Konvent zurück oder zog, wenn er zu den Auserkorenen
gehörte, zu diesem Zweck an ein studium sollemne seiner
Provinz; zu einem studium generale gelangten nur die besonders
Erprobten, in der Regel, nachdem sie als Lektoren fungiert hatten.
Studium solemne
In den grösseren Conventen befand sich dann das Studium theologiae;
seinen Abschluß fand das Studienwesen in der Ordenshochschule
zu Köln. Begabtere junge Studenten wurden zur weiteren Ausbildung
sei es in der Philosophie oder Theologie in Klöster fremder Provinzen
geschickt, dahin, wo eben zur Zeit ein tüchtiger Dozent in dem
betreffenden Fache zu finden war. Der Student wurde also zum Studium
der Theologie an ein Studium particulare geschickt, die auch
Studia solemnia hießen. Auch für diese Studia gab
es - wenigstens bis zur Mitte des 14. Jhs. - keine feststehenden Anstalten.
An dieser Stelle beginnt eine Begriffsverwirrung. Worum handelt es
sich bei diesem Studium solemne ?
Seit dem Generalkapitel des Jahres 1259 spricht man erstmalig von einem
'studium solemne', das nicht identisch ist mit dem Generalstudium, sondern
ein Partikularstudium darstellt, das von Ordensstudenten der jeweiligen
Provinz besucht werden sollte und eine Vermittlerrolle zwischen Konventualstudium
und 'studium generale' einnahm. Im Unterschied zum letztgenannten war
das Provinzialstudium nicht privilegiert und sollte der theologischen
Ausbildung von Scholaren dienen, die zwar zu theologischen Studien fähig
waren und später Lehrfunktionen in ihren Heimatkonventen auszuüben
hatten, jedoch nicht für Spitzenstellungen im dominikanischen Studiensystem
vorgesehen waren; diese wurden nach wie vor von den Absolventen des
Pariser Generalstudiums besetzt.
Der Name dieser provinziellen Studien ist sicherlich aus den Formen
des Studienbetriebes abzuleiten. Danach war das Provinzialstudium aufgrund
der dort abgehaltenen feierlichen Vorlesungen des Magisters zwar eine
Studienanstalt mit regional begrenztem Einzugsgebiet, dennoch wegen
des hochschulähnlichen Lehrbetriebes ein 'studium solemne'. Nach
dem Vorbild der Universitäten erhielt jeder Ordensmagister an den
Provinzialstudien zumindest einen Bakkalar, der unter ihm las, so daß
die universitäre Personalstruktur hierin eine Entsprechung fand
ein 'arbeitsteiliges' Theologiestudium, wie es an den zeitgenössischen
Universitäten betrieben wurde, möglich war.
Man kann daher annehmen, daß dieses partikulare Theologiestudium
Studium solemne genannt wurde. Dem widerspricht aber manchen
Darstellungen die "Theologie" und "studium solemne" mit je drei Jahren
angeben. Dieser Widerspruch läßt sich auflösen, wenn
mit "Theologie" das hier genannte partikulare Studium solemne
gemeint ist, mit "studium solemne" das Generalstudium in Köln und
mit "studium generale" das Studium an einer Hochschule, vorzugsweise
in Paris. Zumindest wurde ein Universitätsstudium allgemein mit
Studium generale bezeichnet. Die Verwendung des Namens studium solemne
ist aufschlußreich. Insofern diese Studien nach wie vor nur für
Angehörige einer Provinz eingerichtet bleiben, heißen sie
im Unterschied zu den für Studenten aller Provinzen offenen Studia
generalia auch Studia particularia; insofern aber an diesen letzteren
die feierliche Vorlesung des Magisters mit seinem Bakkalar wie an der
Universität nachgeahmt wird, ist ein jedes dieser Studia kein 'gewöhnliches'
mehr, sondern zu einem Studium solemne geworden". Bei der Ausbildungsdauer
geht er von 2 - 3 Jahren aus.
Zu diesem Studium sollte der Student im Besitz der Heiligen Schrift
und des Sentenzenkommentars von Petrus Lombardus sein. Wichtig waren
auch die Historia des Petrus Comestor und die "Realenzyklopädie"
des Vincent von Beauvais sowie unentbehrliche Hilfmittel wie ein alphabetisch
geordnetes Wörterbuch von Joannes de Balbis und nicht zu vergessen
die zahllosen moralischen Traktate, mit denen die Studenten "traktiert"
wurden.
Erst nach dem erfolgreichen Abschluß dieser Ausbildung konnte
man als Studens Generalis an das Generalstudium nach Köln assigniert
werden.
Studium generale
Im Jahre 1246 finden wir den Ausdruck 'studium generale' zum ersten
Male in den Acten der Generalkapitel der Dominicaner, angewendet auf
die Hauptordensstudien, und zugleich mit dem correlativen Ausdruck 'studium
solenne. Es ergibt sich von selbst, dass sich das Epitheton 'generale'
nicht auf 'studium', sondern auf die an dem Studium Studierenden beziehe.
Der Ausdruck Generalstudium kann hier nur soviel wie 'generalis disciplina',
d. i. Unterricht für Alle bedeuten.
Indessen die Bedeutung 'Lehranstalt', 'Unterricht für Alle' war
nichts weniger als der letzte, volle Begriff des Ausdrucks 'studium
generale'. Gerade die zwei ältesten und größten Generalstudien,
Bologna und Paris, waren privilegierte Studienanstalten. Das Studium
generale wurde ein Studium privilegiatum zum Unterschied von Particularstudien,
die die Privilegien an sich nicht besassen. Die 'Lehranstalt' für
alle ist zugleich mit Privilegien für Lehrer und Schüler versehen.
Am Generalstudium konnte sich jeder ohne Unterschied der Nation die
Kenntnisse erwerben, welche ihn berechtigten die academischen Grade
an demselben zu erlangen. Der Begriff brachte es aber auch mit sich,
dass die Kenntnisse, welche man sich an einem Generalstudium erwarb,
auch an jedem anderen anerkannt werden mussten. Und schließlich:
Für jede Facultät, für jede Wissenschaft konnte ein Generalstudium
gegründet werden.
Das studium generale der Dominikaner in Köln war 1248 nach dem
Vorbild des studium generale der Dominikaner in Paris eingerichtet worden.
Das Kölner Studium war ganz international; Petrus de Dacia, von
1266-69 Student nennt mehrere schwedische Mitbrüder, einen Ungarn,
einen Böhmen, einen Flamen, einen Italiener Aldobrandinus. Aus
anderen Quellen wissen wir, daß Spanier und Südfranzosen
unter Albertus Magnus studierten. Das Hauptinteresse des Petrus de Dacia
wandte sich dann der Dominikanertertiarin Christine von Stommeln zu.
Zur Begriffsbestimmung soll hier das Studium an der Ordensschule in
Köln das Studium generale genannt werden, während der
Besuch der Hochschule in Paris als Universitätsstudium bezeichnet
wird.
Dieses Studium generale soll nach Auskunft der meisten Autoren ebenfalls
etwa 2-3 Jahre in Anspruch genommen haben. Damit war das Studium beendet
und für die Studenten begann jetzt die praktische Tätigkeit.
Manche übten diese nun für immer aus, manche nicht. Einigen
wurde die Möglichkeit geboten, sich als Bakkalare einer theologischen
Fakultät zur Erlangung akademischer Grade zu inkorporieren, z.
B. in Paris an der Universität zu studieren.
Autor: Eckhart Triebel
|